SONNTAG, 14. APRIL 2019 Suche nach Vermissten Wie Spürhunde Menschen erschnüffeln Von Kai Stoppel
Bei der Suche nach der 15-jährigen Rebecca aus Berlin kommen auch Spürhunde zum Einsatz. Einige sind darauf spezialisiert, Individuen zu finden. Ein Experte erklärt, wie das funktioniert und warum es diesmal kaum Aussicht auf Erfolg haben dürfte.
Die Nase des Hundes ist für den Menschen ein unschätzbares Hilfsmittel, vor allem bei der Polizeiarbeit. Besser als jedes elektronische Gerät spürt sie Sprengstoff auf, findet Rauschgift-Verstecke, Bargeld oder geschmuggelte Wildtiere im Gepäck von Flugreisenden. Im Missbrauchsfall von Lügde war es ein speziell trainierter Hund, der auf einem Campingplatz übersehene Beweismittel suchte und in einer Sesselritze einen USB-Stick fand.
Das Superriechorgan der Vierbeiner kann aber auch Menschen finden. Etwa nach Lawinenunglücken verschüttete oder nach einem Erdbeben unter Trümmern begrabene Menschen. Auch bei der Suche nach Vermissten werden Spürhunde eingesetzt. So spielten sie bisher bei der Suche nach der verschwundenen 15-jährigen Rebecca aus Berlin eine große Rolle. Sogenannte Mantrailer sollten Fährten aufnehmen, Spürhunde wurden mit Booten über Seen gefahren, um eine möglicherweise auf dem Grund der Gewässer liegende Leiche zu finden.
Aber wie spüren die Tiere Menschen eigentlich auf? Es gibt dabei einen Unterschied, ob die Hunde irgendeinen Menschen finden sollen oder einen ganz bestimmten, erklärt Kai-Uwe Goss vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Er berät seit Jahren Polizeistaffeln bei dem Einsatz von Spürhunden. "Flächensuchhunde etwa sind darauf trainiert, dass sie nach einem Unglück wie einer Lawine oder einem Erdbeben jeden Menschen anzeigen, der verschüttet ist", sagt Goss. Dafür reicht ein bestimmter Leitgeruch, der für Menschen typisch ist. Auf diesen sind die Hunde trainiert.
Gerüche durch Wasser aufspüren Auch Leichenspürhunde suchen nach Menschen - allerdings sind sie nur auf tote Menschen trainiert. Auch hier spiele ein Leitgeruch die Hauptrolle, der allerdings nur von toten Menschen ausgehe, so der Experte. Bei der Suche in Gewässern etwa können die Tiere von Booten aus den speziellen Geruch von Leichen aufspüren. "Die Gerüche lösen sich im Wasser und werden durch Aufwärtströmungen an die Oberfläche transportiert", sagt Goss.
Nicht um einen einzigen Leitgeruch, sondern um einen komplexen Geruchs-Mix geht es hingegen bei der Suche nach Individuen. Dafür sind die sogenannten Mantrailer-Hunde speziell ausgebildet. Denn im Unterschied zu Leitgerüchen sind die individuellen Gerüche komplex und von Mensch zu Mensch verschieden.
Umweltwissenschaftler Goss erklärt es mit einem Vergleich: "Jeder Mensch erkennt blind mit seiner Nase, ob sich in einem Glas Rotwein oder Apfelsaft befindet." Beide seien an einem Leitgeruch erkennbar und unterscheidbar. Soll jedoch etwa ein Weinkenner bestimmte Rotweine voneinander unterscheiden, versucht er, die jeweils individuelle Zusammensetzung des Wein-Dufts zu erkennen, das sogenannte Bouquet. Auf ähnliche Weise sei für Hunde jeder Mensch am Geruch unterscheidbar.
Bakterien machen uns einzigartig Das "Geruchs-Bouquet" des Menschen sei vermutlich so einzigartig wie ein Fingerabdruck, glaubt Goss. Doch wie kommt es zustande? Was genau Spürhunde riechen, sei noch nicht abschließend geklärt. Aber es gebe eine plausible Erklärung, bei der Bakterien eine entscheidende Rolle spielten.
Die Rede ist vom sogenannten Mikrobiom, also allen Mikroorganismen, die auf unserer Haut leben. Diese ernähren sich von Hautschuppen und scheiden dabei flüchtige Stoffe aus, die von Hundenasen erschnüffelt werden. "Da das Mikrobiom individuell verschieden ist", so Goss, "kann man annehmen, dass die Bakterien auf der Haut auch einen für jedes Individuum typischen, individuellen Geruch produzieren."
Mantrailer-Hunde erhalten ihren Suchauftrag durch einen Gegenstand, an dem der typische Geruch des Gesuchten haftet, weil er Kontakt mit dessen Haut hatte - wie etwa ein Kleidungsstück oder Bettwäsche. In der Regel beginnt die Suche der Hunde an der Stelle, an der die vermisste Person zuletzt mit Sicherheit gesehen wurde.
Verräterische Hautschuppen-Spur Doch wie entsteht die Fährte, der ein Mantrailer folgen kann? Egal, wo ein Mensch langgeht, hinterlässt er eine feine Hautschuppen-Spur auf dem Boden. Das Entscheidende bei der Fährtensuche mit Spürhunden: "Die Bakterien bleiben zunächst auf den Hautschuppen und scheiden weiterhin Abbauprodukte aus", so Goss. Auch wenn der Mensch längst über alle Berge ist, duftet die Spur seiner Hautschuppen weiter vor sich hin - und zwar so individuell, dass Mantrailer-Hunde dieser folgen können, ohne sich von anderen Spuren ablenken zu lassen.
Doch was wie eine Wunderwaffe klingt, ist erheblichen Einschränkungen unterworfen: Denn eine individuelle Spur hält sich in der freien Natur nicht besonders lange: "Das Mikrobiom ist den Einflüssen der Umwelt wie etwa Trockenheit und Kälte ausgesetzt", so Goss. Die Bakterien auf der Haut hätten bereits nach kurzer Zeit nicht mehr die idealen Bedingungen wie zuvor und bekämen Konkurrenz von anderen Mikroorganismen - der individuelle Geruch schwindet nach und nach.
Wie lange kann ein Hund eine individuelle Spur wittern? "Nicht länger als 12 Stunden nach dem Entstehen einer Spur", glaubt Goss. Nur unter idealen Bedingungen wären auch ältere Spuren denkbar, in vielen Fällen sei eine Spur aber bereits nach noch kürzerer Dauer für einen Hund nicht mehr auffindbar. Daher hält der Experte den Einsatz von Mantrailern bei der Suche nach Vermissten noch Wochen nach deren Verschwinden - wie im Fall von Rebecca - für aussichtslos.
Ein Fährten-Krimi: Wie Mantrailing Hund und Halter zusammenschweißt Stand:23.02.2026, 18:36 Uhr
Von: Anna Liebelt
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Beim Mantrailing wird der extrem feine Geruchssinn von Hunden genutzt, um vermisste Menschen aufzuspüren. Im Ebersberger Land begeistert die Personensuche mittlerweile auch die Amateurwelt. Als Mantrailer-Trainerin hilft etwa Vanessa Klein aus Markt Schwaben unsicheren Hunden, mehr Selbstvertrauen zu gewinnen.
Markt Schwaben – Regungslos steht die schwarze Hündin in der Spielstraße, den Kopf ins flauschig-gekräuselte Nackenfell gelegt, schnuppert ihre Nase hastig durch die kühle Morgenluft. Immer mal wieder dreht sie sich, blickt suchend umher. Sekunden vergehen, nichts passiert. „Warte noch einen Moment, gleich hat sie den Geruch wieder“, flüstert Vanessa Klein jetzt vom gegenüberliegenden Gehweg in Richtung ihres Trainings-Teams. Plötzlich haucht eine Brise zwischen den im Nebel versunkenen Einfamilienhäusern hindurch – und mit ihr die gesuchte Fährte.
Für Spaß und Auslastung: Hunde suchen nach versteckten Personen Hier, mitten im Markt Schwabener Wohngebiet, leitet Vanessa Klein an diesem rauen Wintermorgen einen Mantrailing-Kurs. Bei dieser Art der Personensuche nehmen Hunde mithilfe eines Kleidungsstückes – in diesem Fall ein pinkes T-Shirt– die individuelle Witterung eines „vermissten Menschen“ auf. Statt für echte Notfälle, wie sie etwa die Rettungshundestaffel der Johanniter regelmäßig erlebt, trainieren Klein und ihre beiden Mensch-Hunde-Teams jedoch einzig des Spaßfaktors und der Auslastung wegen.
Ein Duo bilden dabei Franzi und ihre schwarze Flat-Coated-Retrieverhündin Juna. Seit einem halben Jahr versuchen sich die beiden im Mantrailing – und sind total begeistert. „Ihr macht das richtig viel Spaß. Das merkt man“, keucht Franzi, während sie jetzt im Eilschritt einen Trampelpfad hinabläuft. Vor ihr, per Leine an ihrem Hüftgurt fixiert, prescht Hündin Juna voraus. Die neunjährige Hündin hat kurz zuvor wieder eine Fährte aufgenommen – und in den Turbomodus geschaltet. Mit durchdrehenden Pfoten geht es vorbei an einer ockerfarbenen Hausreihe, Autos und ganzen Straßenzügen.
Mantrailing als Selbstbewusstseins-Boost für Hunde Kurz vor der Schulturnhalle dann das abrupte, schwanzwedelnde Ende. Hinter einem Lieferwagen hat Juna die „vermisste Person“, alias Julia, gefunden. Zur Belohnung öffnet die junge Frau, die mit ihrer Mischlingshündin Linchen das zweite Mantrailing-Duo bildet, eine Tupperdose mit Leckerli. „Das ist wichtig. Wir wollen, dass die Hunde mit der Suche etwas Positives verknüpfen“, erklärt Klein das Prozedere. Denn: Mantrailing basiert auf der Motivation des Tieres.
„Im Gegensatz zu gängigen Trainingslehren in Hundeschulen, bei denen oft alles nach dem Willen der Besitzer geht, muss das Ruder hier dem Hund überlassen werden“, betont die 33-jährige Markt Schwabenerin. Schließlich wisse der Halter nicht, wo sich die gesuchte Person versteckt. „Man muss sich auf seinen Hund verlassen können. Er entscheidet in welche Richtung es geht. Er hat die feinere Nase.“
Eine Umstelllung, die nicht nur für Besitzer ungewohnt ist: Mit eingezogenem Schwanz steht Hündin Linchen am Feldrand. Nur zögerlich setzt sie eine Pfote vor die andere, den Blick immer wieder auf ihr Frauchen Julia gerichtet. „Sie traut sich nicht richtig“, sagt diese etwas verzweifelt. Gemeinsam mit Trainerin Vanessa Klein führen die beiden Frauen die Hündin jetzt den Weg entlang, lassen sie noch einmal an der lilafarbenen Socke der versteckten Franzi schnuppern – ganz ohne Druck. „Für einen eh schon ängstlichen Hund ist es eine echte Überwindung, selbstständig vorzugeben, wo es lang geht“, betont Klein, die sich entsprechend viel Zeit nimmt.
So braucht es ein paar Versuche, bis sich die goldbraune Hündin allmählich mehr zutraut. Zwar sind es immer nur wenige Meter, bis sie Franzi hinter einem Busch aufspürt. Doch für Linchen werden diese kurzen Strecken zu einem Erfolgserlebnis: „Man merkt, wie sie immer zielstrebiger wird und die Angst ein bisschen ablegt“, resümiert Klein zufrieden. Genau auf diese Momente arbeitet sie hin – und hilft damit Mensch und Hund, Vertrauen und Selbstbewusstsein aufzubauen.