Berlin Triebtäter ermordete vier Kinder und einen jungen Mann – schlimmster Mörder der DDR ist tot Der NVA-Unteroffizier Mario S. tötete fünf Menschen und entging nur knapp der Todesstrafe. 41 Jahre saß er im Gefängnis, nun ist er in einem Krankenhaus gestorben.
Katrin Bischoff 30.08.2025 , 16:41 Uhr
Einen Tag nachdem Mario S. wegen mehrfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, fügte der Vorsitzende Richter des 1. Militärstrafsenats des Militärobergerichts der DDR in Berlin eine handschriftliche Bemerkung hinzu. „Nach meiner Überzeugung ist eine Begnadigung des Verurteilten zu keiner Zeit durchzuführen, da S. eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt“, schrieb er am 20. November 1985. Einer der schlimmsten Serienmörder der DDR sollte für immer hinter Schloss und Riegel bleiben.
Für Mario S., damals 24 Jahre alt, wurde das Urteil beinahe Realität. 41 Jahre lang saß er im Gefängnis. Jetzt ist der Mann, der im heutigen Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg innerhalb eines halben Jahres vier Kinder und einen jungen Mann umgebracht hat, tot.
Nach Angaben der Berliner Staatsanwaltschaft, der zuständigen Strafvollstreckungsbehörde, starb der einstige Unteroffizier der Nationalen Volksarmee bereits Ende vergangenen Jahres in einem Krankenhaus, in das er zuvor verlegt worden war. „Er war vollzugsunfähig“, sagt Michael Petzold, der Sprecher der Staatsanwaltschaft, auf Anfrage.
Wer war Mario S., der trotz der Fülle an Tötungsverbrechen bei weitem nicht so bekannt ist wie Erwin Hagedorn? Hagedorn hatte innerhalb von zwei Jahren bei Eberswalde drei Kinder umgebracht und war dafür 1972 zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Über Hagedorn gibt es zahlreiche Dokumentationen und Spielfilme, anders als bei Mario S. Obwohl der Soldat öfter getötet hat und nur knapp an der Todesstrafe vorbeigekommen ist.
Mario S. wurde kurz vor dem Bau der Mauer in Ost-Berlin geboren, wuchs bis zum sechsten Lebensjahr bei seiner Großmutter auf und kam dann zu seiner Mutter zurück. Zu seinem Stiefvater soll er ein gestörtes Verhältnis gehabt haben, so geht es aus den Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) hervor, die der Berliner Zeitung vorliegen.
Mario S. war demnach ein schwächlicher Junge, der im Sportunterricht gehänselt wurde. Doch seine Leistungen in allen anderen Fächern waren gut. Nach dem Abschluss der polytechnischen Oberschule erlernte er den Beruf eines Elektromonteurs, wurde Betriebselektriker in einem Berliner Kombinat und dort als bester Jungarbeiter ausgezeichnet. In seiner Beurteilung von 1979 heißt es, S. sei hilfsbereit und bescheiden.
Mario S. fotografierte gern und sammelte Briefmarken Doch Mario S. zog es zu den Streitkräften. Ihm hatte die vormilitärische Ausbildung so gut gefallen, dass er sich entschloss, Berufssoldat zu werden. Er verpflichtete sich, zehn Jahre in der Nationalen Volksarmee (NVA) zu dienen. Anfang Mai 1980 wurde er einberufen, ein halbes Jahr später zum Unteroffizier ernannt und zum Fernschreiber und Chiffreur ausgebildet. Schließlich kam er zu den Luftstreitkräften nach Cölpin unweit von Neubrandenburg.
An seinem Dienstort lebte er in einem Wohnheim, er fotografierte gern, sammelte Briefmarken und las Krimis. Seine Kameraden beschrieben ihn als kontaktarmen Einzelgänger, der seine Freizeit allein in Neubrandenburg oder auch Berlin verbrachte. In Berlin, der Hauptstadt der DDR, hatte Mario S. im August 1983 eine Einraumwohnung bezogen. Die Hauptabteilung Untersuchung des MfS wird später notieren, dass die Wohnung in Prenzlauer Berg „ordentlich eingerichtet ist und sich in einem gepflegten Zustand befindet“.
Mario S. hatte kein Interesse an Frauen. Dagegen erregten ihn die nackten Oberkörper kleiner Jungs und junger Männer. Da Kontaktversuche scheiterten, entschloss er sich, seine Wünsche mit Gewalt zu erfüllen, so ist es in den Akten zu lesen.
Am 16. Juli 1983 verließ der Feldwebel gegen Mittag seine Dienststelle. Er trug Freizeitkleidung und einen blauen Jeansbeutel, den er nun bei jeder Tat dabeihaben sollte. In dem Beutel steckte ein Fahrtenmesser. Mit dem Linienbus fuhr Mario S. nach Neubrandenburg. Schon öfter war er dort im Kulturpark gewesen, um nach geeigneten Opfern zu suchen.
Mario S. lief zum Tollensesee, einem beliebten Badegewässer, dann zu einer Gaststätte. Enttäuscht wollte er gegen 22 Uhr nach Cölpin zurückfahren, als er auf einer Bank einen jungen Mann entdeckte, der seinen Rausch ausschlief.
Mario S. hatte sein erstes Opfer gefunden.
Kein anderer Mensch war zu sehen, als der Feldwebel dem 22-Jährigen sein Messer in den Bauch rammte. Dann würgte Mario S. sein Opfer, so geht es aus dem Urteil des Militärobergerichts hervor. Anschließend stach er dem jungen Mann in Hals und Rücken. Den Toten zog der Täter in ein dichtes Gebüsch. Dann fuhr er zu seiner Dienststelle zurück, warf die Tatwaffe von der Brücke des Schlossteichs ins Wasser. Erst zwei Wochen später fand man die Leiche des jungen Mannes.
Da hatte Mario S. schon wieder zugeschlagen. Da ihm der erste Mord keine sexuelle Befriedigung verschafft hatte, zog der Soldat am 26. Juli 1983 erneut los, so steht es in den Stasi-Unterlagen. An diesem warmen Sommertag steckten eine Paketschnur zum Fesseln, ein Notizbuch, in das er die persönlichen Daten seines Opfers eintragen wollte, und seine Kleinbild-Spiegelreflexkamera vom Typ Praktica electronik B 200 in dem Jeansbeutel.
In Neubrandenburg kaufte Mario S. für 25 Mark ein Tauchermesser, bezog dann Stellung nahe des Tollensesees. Von seinem Versteck aus konnte er den Strand beobachten, an dem sich auch viele Kinder tummelten. Wenn sie nach Hause gehen wollten, mussten sie an der Stelle vorbei, an der sich S. verborgen hielt. Gegen 17.30 Uhr sah Mario S. einen Jungen, der nur mit einer Badehose und Sandalen bekleidet war.
Der Neunjährige sollte das zweite Opfer des Mörders werden.
Ein Unschuldiger wurde für die ersten beiden Morde verurteilt Mario S. zog das Kind ins Gebüsch, fragte den erschrockenen Jungen nach Namen, Alter, Adresse und Geschwistern und schrieb alles fein säuberlich in sein Notizbuch, das er später mit „Geheime Privatsache“ betiteln sollte. Anschließend fotografierte er das Kind siebenmal und brachte es um. Die Leiche bedeckte Mario S. mit Zweigen. Gegen 19 Uhr fuhr er mit dem Bus nach Cölpin zurück.
Für die ersten beiden Morde des Soldaten wurde zunächst ein Unschuldiger verurteilt – die lebenslange Haftstrafe gegen ihn wurde später revidiert.
Mario S. suchte indes weitere Opfer. In Strasburg versuchte er am 3. September 1983 erneut zu töten. Er verfolgte einen jungen, stark angetrunkenen Mann zu dessen Haus. Mit einer Leiter verschaffte sich der Mörder kurz darauf Zutritt zum Schlafzimmer. Als der junge Mann erwachte, stach Mario S. zu. Durch die Schreie wurden die Eltern des 22-Jährigen wach. Der Täter floh, ließ sein Messer am Tatort zurück. Sein Opfer war schwer verletzt, aber es überlebte.
Drei Wochen später entfernte sich Mario S. unerlaubt von der Truppe, um wieder „auf Pirsch“ zu gehen. Er hatte sich ein neues Fahrtenmesser gekauft, das er zu der Zeltleine und der Kamera in den Jeansbeutel packte. S. fuhr nach Oranienburg, um Knaben zu suchen, zu quälen und schließlich zu töten. So steht es im Urteil.
Im Waldgebiet bei Borgsdorf traf er gegen 18.15 Uhr auf zwei Brüder, die Pilze gesammelt hatten und zum Bahnhof wollten. Die neun und elf Jahre alten Kinder fragten ihn wohl nach der Uhrzeit. Mario S. packte und fesselte sie – und brachte sie schließlich um. Die Leichen der Kinder wurden einen Tag später entdeckt.
Es war ungewöhnlich, dass die Ermittler in der DDR nach Morden an die Öffentlichkeit gingen. Am 27. September 1983 war es so weit. So veröffentlichte auch die Berliner Zeitung damals einen Zeugenaufruf, der von der Stasi diktiert worden war. In der letzten Meldung auf Seite 12 hieß es: „Die Volkspolizei bittet um Mithilfe. Am Freitag wurde in den Abendstunden im Wald zwischen Borgsdorf und der Kolonie Briese, Kreis Oranienburg, an zwei Kindern ein Tötungsverbrechen begangen.“
Doch auch die öffentliche Fahndung nach einem Mörder schreckte Mario S. nicht ab. Laut den Stasi-Unterlagen, soll er wochenlang nach neuen Opfern gesucht haben.
Fündig wurde Mario S. rund fünf Monate später. Am 7. Februar 1984 beobachtete der Feldwebel in Neubrandenburg einen sechsjährigen Jungen, der an einer Kaufhalle aus dem Auto des Vater gestiegen war. Als das Kind den Plattenbau betrat, in dem es wohnte, brachte Mario S. den Jungen in seine Gewalt und zerrte ihn in den Keller. Dort missbrauchte er das Kind und tötete es.
Fahndung in den Reihen der NVA – aber nur unter Wehrpflichtigen Nach diesem Mord weiteten die Ermittler ihre Fahndung auch auf die Reihen der NVA aus. Ohne Erfolg – weil nur Wehrpflichtige überprüft wurden. Der Unteroffizier Mario S. blieb unbehelligt.
Durch Zufall gelang es schließlich, den Triebtäter zu ergreifen.
Im Juni 1984 hielt Mario S. am Kiessee bei Schildow einen neunjährigen Jungen fest. Doch der Bruder des Kindes kam dazu, sodass der Mörder sein Opfer wieder laufen lassen musste. Am 8. Juli 1984 legte sich der Feldwebel erneut an dem See auf die Lauer. Er wollte das Kind wiederfinden und töten, das er zwei Wochen zuvor festgehalten hatte.
Gegen 12 Uhr sah er die Brüder, die mit Fahrrädern unterwegs waren. Er stellte sich ihnen in den Weg. Doch die Jungs konnten dem Mann entkommen. Sie informierten ihren Vater. Mario S. konnte wenig später in dem Wald, in dem er sich versteckt hatte, gefunden werden. Der Soldat wurde der Polizei übergeben.
So berichtete die Berliner Zeitung am 17. Juli 1984 auf Seite 12 von der Festnahme des Kindermörders. Mit keiner Silbe wurde erwähnt, dass Mario S. Soldat war. So berichtete die Berliner Zeitung am 17. Juli 1984 auf Seite 12 von der Festnahme des Kindermörders. Mit keiner Silbe wurde erwähnt, dass Mario S. Soldat war. Berliner Zeitung Mario S. gestand die Taten. In seiner Berliner Wohnung in Prenzlauer Berg konnten die Ermittler zahlreiche Beweise sicherstellen. Auch die Kladde mit dem Titel „Geheime Privatsache“, in der der Soldat jeden Mord akribisch beschrieben hatte und in der die Negative von den Fotos der Opfer steckten.
Die Stasi-Unterlagen geben wieder, wie das MfS den Prozess vor dem Militärobergericht gegen den Serienmörder orchestrierte. Die Öffentlichkeit wurde ausgeschlossen, nur Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden zugelassen. Zudem regte die Stasi die Höchststrafe für Mario S. an: „In Übereinstimmung mit der Militäroberstaatsanwaltschaft wird vorgeschlagen, den Beschuldigten S. in Anbetracht der Schwere und Intensität der von ihm (...) begangenen Verbrechen zur Höchststrafe (Todesstrafe) (...) zu verurteilen.“
Nach dem Gesetzbuch der DDR hätte man damals noch die Todesstrafe verhängen können. Formal abgeschafft wurde sie in der DDR erst 1987, letztmalig vollstreckt sechs Jahre zuvor. Der Stasi-Offizier Werner Teske war wegen wegen angeblicher Spionage und versuchter Fahnenflucht zum Tode verurteilt worden. Er starb 1981 durch den „unerwarteten Nahschuss“.
Mario S. wurde am 19. November 1985 wegen „Verbrechens des mehrfachen vollendeten, eines versuchten und des mehrfach vorbereiteten Mordes zu lebenslanger Haft“ verurteilt. Der Angeklagte habe seine fünf Opfer auf besonders brutale Weise getötet, heißt es in der Urteilsbegründung. S. sei bei seinen Taten bestialisch vorgegangen. Die Richter stellten zudem die Schwere der Schuld fest.
Mario S. kam nach seiner Verurteilung ins Gefängnis nach Bautzen, in ein „gesondertes Arbeitskommando“ einer abgegrenzten Station. Dort waren lediglich drei Gefangene untergebracht, die Relais montieren mussten.
Nach der Wiedervereinigung wurde das Urteil gegen Mario S. – wie auch alle anderen Entscheidungen der DDR-Gerichte – überprüft. „Am 23. Oktober 1990 stellte die Staatsanwaltschaft fest, dass die Verurteilung gegen Mario S. nicht zu beanstanden ist“, sagt Michael Petzold, der Sprecher der Staatsanwaltschaft Berlin.
Seitdem hat Mario S. mehrfach beantragt, auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen zu werden. Ohne Erfolg. Im Mai vergangenen Jahres wurde er jedoch wegen einer schweren Erkrankung für haftunfähig erklärt, die lebenslange Haft wurde auf unbestimmte Zeit unterbrochen. Mario S. kam in ein Krankenhaus, wo er am 7. Dezember starb. Er wurde 63 Jahre alt.