Auch nach Jahrzehnten lassen Ermittler nicht von ungelösten Mordfällen ab – sogenannte Cold Cases sind das Thema des True-Crime-Abends in der Alten Rotation. Polizisten und Staatsanwälte geben exklusive Einblicke in ihre Arbeit.
München – Zum Thema Mord und Totschlag gibt es gute Nachrichten. Denn die Aufklärungsquote bei solchen Kapitaldelikten liegt bei 95,4 Prozent, wie Innenminister Joachim Herrmann (CSU) Mitte März bekanntgegeben hat. Insgesamt 495 Fälle erfasst die Kriminalstatistik für das Jahr 2025 in diesem Bereich bayernweit. Im Vorjahr waren es noch 507 Taten gewesen.
213 ungeklärte Morde: True-Crime-Abend in der Alten Rotation zum Thema Cold Cases Die Aufklärung wiederum ist erneut um 0,5 Prozentpunkte gestiegen: Fast alle schweren Straftaten gegen das Leben werden also aufgeklärt. Nur ein sehr kleiner Teil bleibt ungelöst – an diesen sogenannten Cold Cases arbeiten Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaft aber weiter, auch nach Jahrzehnten noch. 213 Altfälle sind aus den vergangenen 50 Jahren noch ungeklärt. Und tatsächlich kommt es auch vor, dass Morde oder Mordversuche nach vielen Jahren noch geklärt werden können, wie der True-Crime-Abend in der Alten Rotation zeigt.
Erfahrener Mordermittler gibt exklusive Einblicke in seine Arbeit Helmut Eigner war 30 Jahre bei der Münchner Mordkommission, er kennt sich mit solchen Altfällen bestens aus – und hat etliche lösen können, oft in minutiöser Detailarbeit – und mit viel Geduld. Sein Antrieb sind die Angehörigen und die Opfer. Sie sollen erfahren, warum ein schlimmes Verbrechen passiert ist. „Bei Morden handelt es sich oft um Beziehungstaten“, sagt Eigner.
Die Täter hinterlassen also Spuren. Spezialistin Eva Wirth wertet sie bei der Polizei aus. So konnte etwa ein Raubüberfall aus dem Jahr 1993 noch geklärt werden: Täter Ilija I. hatte einen Jutesack mit Wechselgeld berührt, nachdem er auf Edeka-Marktleiter Manfred S. geschossen hatte. 24 Jahre später gab es tatsächlich noch ein Urteil: In München wurde der Räuber 2017 zu insgesamt 15 Jahren wegen versuchten Mordes verurteilt.
In anderen Fällen ist die Lage schwieriger – so etwa bei Sonja Engelbrecht. 2005 verschwand die junge Frau am Stiglmaierplatz spurlos, 26 Jahre später wurden Knochenteile von ihr im Altmühltal gefunden, und später die sterblichen Überreste in einer Felsspalte im Wald bei Kipfenberg. Werner Kraus war bei den aufwendigen Suchaktionen der Münchner Polizei dabei und berichtete auf der Bühne zum Stand der Ermittlungen. Bis heute ist der Fall jedoch ungeklärt.
Mord an der Isar aus dem Jahr 2013 ist bis heute ungeklärt Ebenso wie der Isarmord: Domenico L. wurde 2013 von einem Fremden auf dem Radweg der Erhardtstraße scheinbar grundlos niedergestochen. Eine Tat mitten in der Stadt, die aber nicht aufgeklärt werden konnte. Obwohl der Täter DNA hinterließ und Tausende Speichelproben aus der Bevölkerung genommen wurden. Doch die Ermittler geben auch nach 13 Jahren nicht auf. „Mord verjährt nie“, erklärt Staatsanwältin Melissa Jilg – deshalb wird weiter nach dem Täter gefahndet. Wenn es sein muss auch jahrzehntelang.
Mordfall Sonja Engelbrecht: Hinweis nach 25 Jahren „schlägt ein wie eine Bombe“ Stand:02.04.2026, 09:17 Uhr
Von: Andreas Thieme, Nadja Hoffmann
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Der Fall Sonja Engelbrecht beschäftigt die Münchner Polizei seit 1995. Damals verschwand die junge Frau, 2022 war klar: Sie wurde ermordet.
München – Der Fall Sonja Engelbrecht ist der vielleicht bekannteste ungeklärte Mord in München. 1995 verschwand die damals 19-Jährige spurlos. Der Fall war bereits ein Cold Case, als 2020 im Wald bei Kipfenberg nördlich von Ingolstadt ein Oberschenkelknochen gefunden wurde. 2021 war klar, dass er der vermissten Münchnerin zugeordnet werden konnte.
An den Tag dieses Anrufs erinnert sich der langjährige Mordermittler Helmut Eigner noch genau – auch wenn er nicht direkt mit diesem Fall betraut war. Die Euphorie über diese Nachricht – 26 Jahre nach der Tat – habe das gesamte Kommissariat 11 erfasst. „Das schlägt ein wie eine Bombe.“ Als im März 2022 die sterblichen Überreste von Sonja Engelbrecht in einer schwer zugänglichen Felsspalte gefunden werden, werden die Ermittlungen der Mordkommission erneut hochgefahren.
Auf Eva Wirth, Expertin der Spurensicherung für Altfälle, kam damals viel Arbeit zu. Auf ihrem Tisch landete ein schauriges Paket: Die Knochen waren in Folien und Planen mit Klebeband eingeschnürt. Wirth musste schauen, ob und wie das Material verwertet werden konnte. „Alles war fast 30 Jahre der Witterung ausgesetzt.“ Zudem waren wohl Tiere vor Ort, die den Inhalt verteilt haben.
Eine Methode ist es laut Wirth, das Material Stück für Stück abzukleben und zu sehen, welche Partikel am Band hängen bleiben. Akribische Arbeit, die extrem viel Zeit kostet.
Wie Präsidiumssprecher Kraus erklärte, konnten diese Untersuchungen Ende vergangenen Jahres abgeschlossen werden. Der Polizei liegt nun zwar ein DNA-Strang vor, den Durchbruch hat er aber nicht gebracht.
Es gab keinen Treffer in der deutschen Datenbank und denen der 26 anderen Länder, die sich 2005 mit dem Prüm-Vertrag auf direkte Zusammenarbeit verständigt haben.
Außerdem wurden 130 Speichelproben von Männern in Kipfenberg und Umgebung genommen. „Den Treffer, den wir uns erhofften, haben wir nicht“, sagt Kraus.
Der Podcast zum Nachhören Ermittler gaben exklusive Einblicke in ihre Kriminalfälle: Auch, wer bei unserem großen True-Crime-Event nicht dabei sein konnte, kann die Inhalte des Abends ab sofort in der Mediathek von Radio Arabella nachhören unter www.radioarabella.de/share/2738749. Unsere True-Crime-Reihe setzen wir fort: Melden Sie sich für den Newsletter an, um die neuen Termine als erstes zu erfahren: www.tz.de/truecrime.
Er hat zum True-Crime-Abend unserer Redaktion etwas mitgebracht, das wichtig für die Ermittlungen der Mordkommission ist: eine schwarz-blaue Wolldecke. Sie ist das Vergleichsstück ebenjener Decke, in der Sonja Engelbrechts Leiche nach der Tat eingewickelt worden ist. Die Hoffnung der Polizei: Jemand erkennt das spezielle Design wieder und erinnert sich, wer eine solche Decke um 1995 besessen hat. Hinweise nimmt die Polizei unter 089/29100 und in jeder Dienststelle entgegen.