Registrieren    Anmelden    Forum    Suche    FAQ

Foren-Übersicht » Tote ohne Namen - Kann jemand helfen?




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 3 Beiträge ] 
Autor Nachricht
 Ungelesener Beitrag Verfasst: Donnerstag, 29. Juni 2017, 22:35:47 
 
Die unbekannte Tote vom 25. Bezirk
Grab Nummer 187/450 - ein Kind, das keiner kennt
17. November 1967, 7:00 Uhr
AUS DER
ZEIT NR. 46/1967

München

Auf dem Münchener Waldfriedhof schaufelten in der vergangenen Woche zwei städtische Arbeiter eilends ein Kindergrab zu. Die Arbeit war schnell getan. Keine Trauergemeinde stand herum. Über den Grabhügel wehten ein paar gelbe und rotbraune Blätter.

Keine Blume, kein Kranz lagen auf dem Grab, kein Kreuz wurde aufgestellt. Ein totes Kind war unter die Erde gebracht. Sein Name ist unbekannt. Lediglich das Grab hat eine Nummer in den Lageplänen des städtischen Bestattungsamtes: 187/450. Von dem Kind weiß man dies: Es war ein Mädchen. Es war fünf bis sieben. Jahre alt, 1,07 Meter groß, mit blondem Haar und dünnen Beinen. Es wog 16 Kilo. Am linken Arm hatte es zwei übereinanderliegende Impfmale. Es hatte noch alle Milchzähne, mit Ausnahme des ersten Schneidezahnes links unten, der zu einem Drittel durch einen nachwachsenden Zahn ersetzt war. Es hatte gepflegte Nägel, mangelhaft und kurz geschnittene Haare und war selten barfuß gelaufen. Als man es fand, war es nackt.

Am Montag, dem 24. Juli dieses Jahres, um 13.50 Uhr, entdeckte der Werkstudent Erko Stackebrandt aus Hamburg an einem Fußweg am Bahndamm in der Nähe der Friedenheimer Brücke das tote Kind. Es lag zusammengekrümmt zwischen hohen Brennesselstauden. Die Gegend gehört zum 25. Stadtbezirk Münchens. Der Weg, dem Unbekannte gefunden wurde, ist namenlos. In wenigen Minuten war die Münchener Mordkommission zur Stelle, der Polizeipräsident Manfred Schreiber und der Erste Staatsanwalt Erich Fromme waren dabei. Die Sonne brannte heiß auf die Stadt nieder.

Das tote Kind wurde ins gerichtlich-medizinische Institut gebracht. Mit allen Vorbehalten wegen der großen Sommerhitze stellte man zunächst fest, daß der Tod vor 24 bis 48 Stunden eingetreten sein mußte. Anhaltspunkte für ein Sexualverbrechen wurden nicht entdeckt. Die kleine Unbekannte hatte keine Verletzungen. Sie wurde in einen Kühlraum gelegt, in dem die Temperatur 10 Grad unter Null beträgt. Nach wochenlangen Untersuchungen stellten die Gerichtsmediziner fest, daß das Kind auch nicht vergiftet war. Der Befund zeigte überhaupt keine Anhaltspunkte für einen gewaltsamen Tod. Anfang Oktober lag das endgültige Ergebnis vor: Das Mädchen war an einem Hitzschlag gestorben, nachdem zuvor sein Organismus durch eine schwere Bronchitis geschwächt war.

Indessen lief die polizeiliche Fahndung auf Hochtouren. Doch wohin sich die Fahnder auch wandten, niemand kannte das Kind. Die gesamte 1,2 Millionen Namen umfassende und fast fünf Tonnen schwere Einwohnerkartei der Stadt München wurde zur Firma Agfa in der Tegernseer Landstraße transportiert, wo der firmeneigene Siemens-Computer 4004/45 die Namen und Adressen von 20 126 Münchener Mädchen der Jahrgänge 1960 bis 1962 ausschied. Er brauchte dazu 22 Stunden. Dann schwärmten Kriminalbeamte und -beamtinnen aus, um sich die Kinder vorzeigen zu lassen.

Sie kamen in Mietshäuser, wo keiner den anderen kennt und sich keiner um den anderen kümmert. Nach monatelanger Fahndung, die durch die Sommerferien erschwert wurde, stellten sie fest: in München wird kein Kind vermißt. Die Fahndung dehnte sich über die ganze Bundesrepublik aus und ins Ausland. Interpol wurde eingeschaltet. Die Fahndungsschreiben wuchsen zu Bergen. 15 000 Plakate wurden mit einem Bild vom Gesicht des toten Mädchens bedruckt, mit einer Personenbeschreibung in acht Sprachen und der Frage: „Wer kennt dieses Kind?“

In Polizeidienststeilen ganz Europas wurden die Plakate aufgehängt. Dazu wurde speziellen Spuren in folgenden Ländern nachgegangen: Afghanistan, Ägypten, USA, Australien, Dänemark, Frankreich, Griechenland, Israel, Holland, Haiti, Hawaii, Kanada, Kenia, Neuseeland, Österreich, Teneriffa, Türkei, Schottland, Spanien, Schweiz, Südafrika, Persien, Zypern, DDR. Das Ergebnis war immer negativ. Der Chef der Münchener Mordkommission, Hermann Schmitt, schüttelte verwundert den Kopf: „Unglaublich, niemand will das Kind kennen.“

Der Leiter der Studienwerkstätte für Gipsgießen in der Akademie für Bildende Künste, Otto Gareissen, fertigte eine Totenmaske an. Sie zeigt ein kleines, rundes Kindergesicht mit einer Stupsnase und offenem Mund. Auch davon wurden Bilder verbreitet. Alles ohne Ergebnis. Das tote Kind blieb namenlos. Es war, als habe es nie auf der Erde gelebt. Vielleicht haben es seine Eltern in die Brennesseln geworfen wie ein nutzloses Gepäckstück, um den Formalitäten zu entgehen, welche die Gesetze bei Todesfällen vorschreiben. Vielleicht waren sie auf der Durchreise von oder nach einem Land der ehemaligen Donaumonarchie, wo auf dem linken Arm geimpft wird. Vielleicht dies, vielleicht das, Spekulationen.


Konkret blieben nur die amtlichen Bemühungen, die dem Kind nach seinem Tode zuteil wurden und der Hügel auf dem Waldfriedhof, über den die herbstlichen Blätter tanzen. Darunter liegt ein Mensch begraben, der fünf oder sechs oder sieben Jahre durch eine Welt ging, in der sein Tod niemandem auffiel. Gerhard Bartels

http://www.zeit.de/1967/46/die-unbekann ... ettansicht


Nach oben 
  
Mit Zitat antworten  
 Ungelesener Beitrag Verfasst: Freitag, 30. Juni 2017, 10:18:07 
Online
Moderator
Benutzeravatar

Registriert: Dienstag, 13. November 2012, 14:49:09
Beiträge: 10850
Traurig so etwas........ einfach so entsorgt wie Müll.

Darf man gar nicht drüber nachdenken.

Es wäre schön, wenn das Kind wenigstens seinen Namen zurückbekommen würde.

_________________
Admin und Foren Moderatorin
Hinweise zu den eingestellten Fällen bitte an die zuständige Polizeidienststelle


Nach oben 
  
Mit Zitat antworten  
 Ungelesener Beitrag Verfasst: Freitag, 30. Juni 2017, 18:25:51 
 
Vielleicht ein Kind aus der damaligen Gastarbeiterszene.

Bis 1968 lebten 88.000 angeworbene Gastarbeiter an der Isar.


Nach oben 
  
Mit Zitat antworten  
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
 
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 3 Beiträge ] 

Foren-Übersicht » Tote ohne Namen - Kann jemand helfen?


 
Sie dürfen keine neuen Themen in diesem Forum erstellen.
Sie dürfen Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen.
Sie dürfen Ihre Beiträge in diesem Forum nicht ändern.
Sie dürfen Ihre Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Sie dürfen keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen.

Suche nach:
Gehe zu:  
Deutsche Übersetzung durch phpBB.de