#1 RE: Presseberichte von 13.12.2014 10:20

Wird der Mörder nie gefasst?
Der Tod von Silke B. lässt Ermittler nicht ruhen. Die Hoffnung auf Erfolg schwindet

Von Alexander Sulanke

Im Archiv liegen die Akten mit den hoffnungslosen Fällen: ungelöst und doch unvergessen. Dann kommt es vor, dass sich Polizeiermittler eine dieser Akten noch mal vornehmen. Dass sie plötzlich eine heiße Spur finden, die ihre Kollegen eine Generation zuvor noch gar nicht hätten entdecken können: Genmaterial des Täters. Die Beamten sind euphorisch, sie sind sich ganz sicher, den Täter jetzt fassen zu können. Der Mord an der Schülerin Silke B. aus dem schleswig-holsteinischen Reinfeld (Kreis Stormarn) ist so ein Fall.


Im Herbst 2010, mehr als 25 Jahre nach dem Tod der Schülerin, führte der Fall zum bis heute größten Massengentest in der Geschichte des Landes. 2200 Männer wurden aufgefordert, eine Speichelprobe abzugeben. Und die Ermittler sagten, sie seien sich sicher, dass Silkes Mörder unter diesen 2200 sei. Mag sein, dass es so ist. Gefunden haben sie ihn nicht. Die Ermittlungen stocken. "Wir arbeiten nur noch an dem Fall, wenn es gerade nichts Aktuelles zu bearbeiten gibt", sagt die Lübecker Polizeisprecherin Carola Aßmann. Aber eigentlich liegt ja immer was Aktuelles an.

Die Akte Silke B. wird am 2. Juni 1985 angelegt. Am Morgen haben Polizeibeamte den Leichnam der 15-Jährigen in einem Moorgraben an einem Rapsfeld zwischen den kleinen Ortschaften Schlamersdorf und Sühlen gefunden, zwölf Kilometer Luftlinie von Silkes Elternhaus entfernt. Die Schülerin soll am Vorabend gegen 17 Uhr zur Party "Spektakel 85" in der Schule Masurenweg in der benachbarten Kreisstadt Bad Oldesloe aufgebrochen sein; sie ist dort nie angekommen.

Einige Monate nach der Tat wird die Akte geschlossen, ungelöst und unvergessen. 25 Jahre vergehen, ehe sie im Herbst 2010 wieder hervorgeholt wird. Ein Jahr zuvor haben Kriminalpolizisten mithilfe eines DNA-Abgleichs schon den Mord an der Sekretärin Gabriele E. aus Hamburg-Rahlstedt aufklären können. Nun greifen sich die Ermittler weitere ungelöste Fälle, untersuchen die Beweisstücke auf DNA-Spuren. Und tatsächlich werden sie im Fall Silke B. fündig.

Da halten die Ermittler also plötzlich in den Händen, was der Mörder am 1. Juni 1985 am Tatort verloren hat, ohne auch nur zu ahnen, dass ein Mensch so etwas verlieren kann: sein Erbgut. Damals haben die Kriminalpolizisten ein Täterprofil angelegt: 18 bis 25 Jahre alt, kann Auto fahren, lebt maximal 15 Kilometer vom Tatort entfernt oder besucht eine örtliche Schule. Das ist einem Amtsrichter 25 Jahre später konkret genug, um einen Massengentest zu genehmigen. Etwa 2200 Männer entsprechen dem Profil, 1400 von ihnen leben noch in der Region.

"Mehr als 98 Prozent der damals angeschriebenen Männer sind inzwischen untersucht worden", sagt Polizeisprecherin Aßmann heute. "Der Mörder ist nicht unter ihnen gewesen." Die restlichen, es mögen um die 40 sein, bereiten der Polizei aber viel Arbeit. Aßmann: "Es gibt die Verweigerer, die einfach nicht gekommen sind. Für jeden einzelnen brauchen wir einen Gerichtsbeschluss." Das dauere. Und es gibt diejenigen, die im Ausland leben. "An die versuchen wir mit Unterstützung der Botschaften ranzukommen." Auch das dauere. Und die Polizei hat Aktuelles zu tun. "Wir machen weiter, bis wir alles abgearbeitet haben", sagt Polizeisprecherin Aßmann zwar. Aber eben nur, wenn mal jemand Zeit habe. Der Fall Silke B. aber bleibt unvergessen. Und ungelöst.

http://www.welt.de/print/welt_kompakt/ha...ie-gefasst.html

#2 RE: Presseberichte von 13.12.2014 10:22

Mord an Schülerin: Polizei hat DNA-Spur

Von Bastian Modrow |

02.01.2013 07:38 Uhr

Der Mord an einem 15-jährigen Mädchen wird 2010 wieder neu aufgerollt. Nach 25 Jahren hat die Polizei DNA-Spuren des Täters gefunden. Über 2500 Männer mussten in der Folge eine Speichelprobe abgeben. Einen Treffer gab es nicht. Wie es weitergeht, ist unklar.


Kiel/Reinfeld.

Das grausige Verbrechen in den Travewiesen erschütterte 1985 ganz Norddeutschland: Die damals 15-jährige Silke B. war ermordet in der Feldmark an der Verbindungsstraße zwischen Bad Oldesloe und Bad Segeberg gefunden worden. Ihr Peiniger hatte sie mit einem Messer tödlich verletzt. Zudem hatten die Gerichtsmediziner damals schwerste Kopfverletzungen an dem Leichnam festgestellt. 25 Jahre nach dem Tod des Mädchens hat die Polizei eine heiße Spur. Die Fahnder sind sicher, den Mörder überführen zu können. Spezialisten des Landeskriminalamtes in Kiel hatten 2010 eine männliche DNA-Spur gefunden – den genetischen Fingerabdruck des Täters.

Über die letzten Stunden des Opfers wissen die Ermittler nur wenig. Sicher ist: Am frühen Abend des 1. Juni 1985 hatte Silke B. ihr Elternhaus in Reinfeld verlassen. Ihr Ziel war das „Spektakel 85“ – ein Bandfestival an der Schule am Masurenweg in Bad Oldesloe. Ihr Fahrrad hatte die 15-Jährige am Bahnhof in Reinfeld abgestellt. Per Anhalter war sie anschließend in einem VW-Kleinbus für behinderte Kinder bis Blumendorf mitgefahren, um von dort aus an der Bundesstraße 75 zurück nach Bad Oldesloe zu laufen. Dort hatten Zeugen das 1,70 Meter große Mädchen mit den mittelblonden Haaren zum letzten Mal gesehen.

Der Leichnam wurde erst am Tag darauf gefunden, nachdem Spaziergänger an den Travewiesen eine schwarze Daunenjacke, eine weiße Socke und einen Make-up-Spiegel am Wegesrand entdeckt hatten. Die Obduktion ergab später, dass die Schülerin mutmaßlich zwischen 19 und 20 Uhr ums Leben kam. Beim Absuchen des Fundorts entdeckten Kriminalbeamte eine Blutlache, eine Schleifspur und eine Reihe von Zigarettenkippen. Schon damals war die Polizei überzeugt, dass sich das Opfer gegen ihren Peiniger massiv zur Wehr gesetzt hatte. Die Beamten gingen von einem Sexualdelikt aus, bei dem der Täter möglicherweise gestört worden war. Zwar meldeten sich etliche Zeugen. Die ersehnte heiße Spur war nicht dabei.

25 Jahre später ist die Kriminaltechnik deutlich weiter. Die Asservate von damals wurden Profilern und DNA-Experten des Landeskriminalamtes (LKA) übergeben, die ein Täterprofil erstellten und die wichtige DNA-Spur entschlüsselten. „Diese war bereits im Juni 2009 ermittelt worden und mit den genetischen Fingerabdrücken des privaten Umfelds des Opfers und den damals eingesetzten Beamten verglichen worden“, sagte Jan-Hendrik Wulff von der Polizeidirektion Lübeck.

2500 Männer wurden seit Winter 2010 nach und nach zum freiwilligen Speicheltest gebeten. Die Daten wurden dann mit der Spur vom Tatort verglichen. Zunächst wurden Personen aus dem Umland von Bad Oldesloe und Reinfeld angeschrieben, die damals zwischen 18 und 25 Jahre alt und im Besitz des Führerscheins waren, beziehungsweise die eine weiterführende oder allgemeinbildende Schule besucht haben. In drei weiteren Wellen wurden Briefe rund um Ahrensburg, in Lübeck und den Kreisen Segeberg und Ostholstein verschickt. Schließlich folgten Männer, die mittlerweile außerhalb der Region wohnen. Die Ladungen mit dem weitesten Weg gingen nach China und Neuseeland.

Knapp 20 Männer weigerten sich, eine Probe abzugeben. Erst mit richterlicher Anordnung konnten auch ihre DNA-Tests mit den genetischen Täterspuren vergleichen werden. Den erhofften Treffer erzielten die ehrgeizigen Ermittler in den vergangenen Monaten allerdings nicht. Bleibt der Mörder des jungen Mädchens unentdeckt? „Mitnichten“, sagt die Polizei. Die Ermittlungen seien keineswegs abgeschlossen. Zurzeit prüfen die Fahnder des zuständigen Kommissariats 1 der Lübecker Polizei, welche Schritte unternommen werden sollen. Möglicherweise wird der Radius um den Tatort nach und nach weiter ausgeweitet.

http://www.kn-online.de/Lokales/Polizei/...ei-hat-DNA-Spur

#3 RE: Presseberichte von 22.07.2016 11:49

Wer hat Silke B. getötet? Die Gen-Spur führt noch immer nicht zum Mörder
vom 18. Juni 2016 Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts
1985 starb Silke B., 2010 ordnete die Polizei Speichelproben an. 22 Personen sind noch nicht überprüft.


Sie lag in einem Graben am Rande eines Rapsfeldes, das Gesicht im Morast: Silke B., 15 Jahre alt, war mit Schlägen auf den Kopf und Messerstichen in den Hals getötet worden. Am Tatort ließ ihr Mörder etwas zurück, ohne zu ahnen, dass ein Mensch es verlieren kann: sein Erbgut. Es war der 1. Juni 1985, und erst neun Monate zuvor hatte der britische Forscher Alec John Jeffreys den genetischen Fingerabdruck entdeckt.

Die DNA-Analyse ist mittlerweile bei vielen „Cold cases“ die letzte Hoffnung der Ermittler, im Fall Silke B. führte sie zum bislang größten Massen-Gentest in der Geschichte Schleswig-Holsteins. Im Herbst 2010 forderte die Polizei 2240 Männer auf, eine Speichelprobe abzugeben. Doch gefunden ist Silkes Mörder bis heute nicht. „Aktuell sind noch 22 Personen offen“, sagt Ulla Hingst, Sprecherin der Staatsanwaltschaft Lübeck. „13 Verweigerer, acht Männer, die im Ausland leben, und ein Verstorbener.“


Rückblende: Am Tag ihres Todes, einem Sonnabend, war die Schülerin aus Reinfeld (Kreis Stormarn) mit Freunden baden, wollte danach das „Spektakel 85“ besuchen, eine Party in der Masurenweg-Schule in Bad Oldesloe. Ihrem Vater verspricht sie, um 22 Uhr wieder zu Hause zu sein. Mit dem Bus fährt Silke B. nach Bad Oldesloe, wo sich ihre Spur gegen 18.30 Uhr an der B?75 verliert. Sehr wahrscheinlich war sie zu ihrem Mörder ins Auto gestiegen.

Nur zwei Stunden später machte ein Ehepaar zehn Kilometer entfernt einen Abendspaziergang entlang der Travewiesen. Es fand ein weißes Söckchen, einen Schminkspiegel und Silkes schwarze Jacke. Am Tag darauf suchten Polizisten einen Feldweg ab, entdeckten eine Schleifspur im Raps und an deren Ende die Leiche der Schülerin. Schuhe, Strümpfe und Jacke waren ausgezogen, Silke war aber nicht vergewaltigt worden.

Alte Schwarz-Weiß-Fotos zeigen die Polizisten bei der Spurensicherung, hemdsärmelig stehen sie am Fundort, Schutzkleidung ist noch unbekannt. Es ist eine Generation von Beamten, die ihre Berichte in die Tastatur der Schreibmaschine hackt. Die Akte Silke B. legen sie nach einigen Monaten zu den ungelösten Fällen. „Wir haben gemacht, was nach dem Stand der Technik möglich war“, wird der damalige Kripochef später sagen.

Erst als es dank verfeinerter Methoden immer häufiger gelingt, aus Spuren alter Fälle DNA des mutmaßlichen Täters zu gewinnen, werden die Ermittlungen wieder aufgenommen. Der Mörder von Silke B. hatte am Tatort das Messer zurückgelassen, mit dem er zustach – Klinge 19 Zentimeter lang, der Griff aus imitiertem Horn. Außerdem Zigarettenkippen. Daraus konnten die Experten des Landeskriminalamtes seinen genetischen Fingerabdruck gewinnen. Um auszuschließen, dass die Spur von einem Polizisten stammt, mussten alle damals beteiligten Beamten eine Speichelprobe abgegeben.

Der Kreis der „Verdächtigen“ wurde durch eine Fallanalyse bestimmt. Danach ist der Täter zwischen 18 und 25 Jahren alt gewesen, hatte einen Führerschein und wohnte im Umkreis von 15 Kilometern – oder besuchte zur Tatzeit eine der Schulen in Reinfeld oder Bad Oldesloe. 2240 Männer entsprachen dem Profil.

„2218 haben mittlerweile eine Speichelprobe abgegeben“, sagt Oberstaatsanwältin Hingst. Nicht alle freiwillig – es gab anfangs 28 Verweigerer. „Gegen vier konnten wir einen Anfangsverdacht begründen und Gerichtsbeschlüsse erwirken“, so Hingst. „Alle vier haben daraufhin Proben abgegeben, die negativ ausfielen.“ Weitere Verweigerer ließen sich durch Gespräche überzeugen. „Wir haben die Zahl jetzt auf 13 Personen reduziert“, so Hingst.

Auch für sie müssen die Ermittler einen Verdacht begründen, um einen Gerichtsbeschluss zu erhalten. Wie die Chancen stehen, lässt die Staatsanwältin offen. Aktiv ist man bei den acht Männern, die im Ausland leben, unter anderem in Australien, Neuseeland und Japan. Hingst: „Wir versuchen, im Wege der internationalen Rechtshilfe Proben durch die ausländischen Strafverfolgungsbehörden nehmen zu lassen.“ Und dann ist da noch der Verstorbene, von dem es kein DNA-Material gibt. Bei ihm könnte ein DNA-Abgleich von Familienmitgliedern Gewissheit bringen, was juristisch umstritten ist. Exhumierungen soll es nicht geben.

Die Euphorie der Ermittler auf eine schnelle Aufklärung, die 2010 herrschte, ist längst verflogen. „Wir machen weiter, bis wir alles abgearbeitet haben“, heißt es. Wobei aktuelle Tötungsdelikte immer Vorrang hätten.

Silkes Familie hat unterdessen kaum noch Hoffnung, dass der Mörder überführt wird. „Wenn er außerhalb des festgelegten Bereichs wohnte, dann waren alle Anstrengungen vergebens“, sagt Vater Jens B. (76). Silke war sein einziges Kind – und der Schmerz des Verlustes ist auch nach über 30 Jahren nicht verwunden. „Nachdem der große Gentest alles wieder aufgewirbelt hatte, sagen wir heute, man muss Silke endlich ruhen lassen, damit wir unseren Frieden finden.“

http://www.shz.de/regionales/schleswig-h...id14026711.html

#4 RE: Presseberichte von eugene1975 05.12.2016 21:32

Quelle: Weltgeschehen N24
Weltgeschehen Aufklärung nach 27 Jahren Mörder führte jahrelang unauffälliges Familienleben

Von Nicola Kabel, Eva-Maria Mester | Veröffentlicht am 07.04.2011 | Lesedauer: 2 Minuten
Sie war ein reines Zufallsopfer: Die 18-jährige Gabriele S. aus Schleswig-Holstein. Der Täter hat gestanden, die Schwesternschülerin 1984 umgebracht zu haben.
0
Anzeige

Gabriele galt als freundlich und zuverlässig. Sie war 18, als sie an einem Freitagabend Anfang Februar 1984 aus Henstedt-Ulzburg (Schleswig-Holstein) aufbrach, um per Anhalter in eine Diskothek zu fahren. Doch sie kam nie dort an. Neun Tage später fanden zwei Schülerinnen in einem Waldstück bei Bad Bramstedt Gabrieles Leiche. Die junge Frau war mit ihrem eigenen Schal erdrosselt worden. 27 Jahre lang suchte die Polizei nach dem Täter. Nun haben Ermittler einen Verdächtigen gefasst. Neue Technik zur Untersuchung von Gen-Spuren hatte sie zu dem Mann geführt.

Der 64 Jahre alte Verdächtige sitzt nun in Untersuchungshaft, teilten Staatsanwaltschaft und Polizei in Kiel mit. Er habe die Tat gestanden. Vor fast drei Jahrzehnten soll der Mann, der wie Gabriele aus dem Kreis Segeberg kommt, das Mädchen mit dem Auto mitgenommen haben. "Völlig zufällig“, sagte Oberstaatsanwältin Birgit Heß. Nach Erkenntnissen der Ermittler vergewaltigte der damals 37-Jährige die junge Frau und tötete sie. Danach lebte er unbehelligt weiter, ein Mann mit Familie, der völlig unscheinbar wirkt.

Erst eine neue, verfeinerte Untersuchungsmethode von Gen-Spuren brachte die Fahnder voran. Gutachtern des Landeskriminalamtes war es gelungen, mit dieser Methode DNA-Spuren festzustellen, die sie als relevant für die Tat einstuften. Vom Herbst 2010 an gaben mehr als 150 Männer ihre Speichelprobe ab, nachdem Ermittler ein Profil des potenziellen Täters erstellt hatten. Das damalige Alter und die Nähe zum Tatort spielten dafür eine Rolle.

Festnahme ohne Widerstand

Eine der Proben, untersucht von der Rechtsmedizin an der Kieler Universität, brachte den entscheidenden Hinweis. "Mit einer Wahrscheinlichkeit, die keine vernünftigen Zweifel zulässt, landeten die Ermittler den Treffer“, erklärte die Staatsanwaltschaft. Als die Beamten in der Wohnung des 64-Jährigen anrückten, ließ er sich widerstandslos festnehmen. Das Amtsgericht Kiel erließ einen Haftbefehl wegen Mordverdachts. Hinweise, dass der Mann weitere Taten begangen haben könnte, hat die Polizei derzeit nicht.

Auch in einem anderen, fast 26 Jahre zurückliegenden Mord an einer Schülerin hoffen Ermittler aus Schleswig-Holstein auf eine DNA-Spur, die erst 2009 entdeckt worden war. Die Beamten wollen so den Mörder der 15-jährigen Silke aus Reinfeld (Kreis Stormarn) finden.

Sie war am 1. Juni 1985 auf dem Weg zu einer Schuldisco in der Kreisstadt Bad Oldesloe ermordet worden. Ihre Leiche tauchte einen Tag später in den Travewiesen in der Nähe von Reinfeld auf. Die Testergebnisse sind nach Polizeiangaben vom Donnerstag noch nicht abschließend ausgewertet.

#5 RE: Presseberichte von eugene1975 05.12.2016 22:27

Reinfeld : Geht Silkes Mörder Freitag zum Gentest?
vom 29. Oktober 2010

Vor 25 Jahren wurde Schülerin Silke B. aus Reinfeld (Kreis Stormarn) getötet - jetzt sollen 2200 Männer eine Speichelprobe abgeben. Befindet sich unter ihnen auch der Mörder?

Bild im Link..
Reinfeld/Lübeck | Sie lag in einem Graben, das Gesicht im knöcheltiefen Morast. Messerstiche in den Hals und Schläge auf den Kopf hatten Schülerin Silke B. (15) aus Reinfeld im Kreis Stormarn getötet. 25 Jahre nach der Bluttat will die Polizei den Mörder endlich fassen - am Freitag beginnt die größte DNA-Reihenuntersuchung in der Geschichte Schleswig-Holsteins.
Um 15 Uhr öffnen Polizisten den Haupteingang der Matthias-Claudius-Grundschule in Reinfeld. Wer eintritt, muss seinen Personalausweis vorlegen und eine Freiwilligkeitserklärung unterschreiben. Bis 20 Uhr werden dann zehn speziell geschulte Beamte mit Wattestäbchen die Speichelproben entnehmen, aus denen das Institut für Rechtsmedizin in Kiel einen genetischen Fingerabdruck gewinnen soll. Am Tag darauf wiederholt sich das Prozedere im Theodor-Mommsen-Gymnasium in Bad Oldesloe.
Lebt der Mörder von Silke B. überhaupt noch?
weiter im Link...

http://www.shz.de/schleswig-holstein/pa ... 75226.html

#6 RE: Presseberichte von eugene1975 06.12.2016 18:52

Der Würger von Norderstedt
09.03.2014 um 07:51
Ausführlicher interessanter Spiegelartikel von Februar 2012 über den Täter:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-83977223.html
JUSTIZ
Das war wie so ein Tunnel
Von Lakotta, Beate

Hans-Jürgen Schröder tötete und missbrauchte zwischen 1969 und 1984 fünf junge Frauen. 27 Jahre danach ging er der Polizei ins Netz. War er ein Kranker, der sich nicht steuern konnte? Jetzt stand der Sexualmörder vor dem Kieler Landgericht.

In der warmen Nacht des 20. Juni 1969 steigt eine zierliche Frau aus einem Bus in Harksheide bei Hamburg. Eine Wohngegend mit Einfamilienhäusern, umgeben von weitläufigen Gärten, im Fernsehen läuft "Aktenzeichen XY ungelöst". Die 22-jährige Jutta M. trägt ein gelbgemustertes Sommerkleid, darüber eine weiße Wolljacke, vorn zugeknöpft.

Ein junger Mann überholt sie, lässt sie wieder an sich vorübergehen. Dann fällt er sie von hinten an, ansatzlos, er packt sie am Hals, ein kurzer Schrei, er drückt zu. Noch im Würgen fällt er mit ihr durch eine Ligusterhecke auf ein Privatgrundstück. Die Frau, die unter ihm liegt, regt sich nicht mehr. Am Haus geht ein Licht an, jemand ist aufmerksam geworden und schaut aus dem Fenster. Der Mann hält kurz inne, dann dreht er die Tote um, reißt ihr den Schlüpfer herunter und missbraucht sie, später werden Rechtsmediziner Spermaspuren feststellen.

Am nächsten Morgen findet man die Frau in einem Gartenbeet, Kleid und Jacke hochgeschoben, die Beine gespreizt. Vom Täter bleibt der Abdruck einer Cordhose im weichen Boden. Hans-Jürgen Schröder wird sich bei der Polizei an die Hose erinnern und an die Tat, über 40 Jahre später. Er wird sagen, es sei das erste Mal gewesen, dass er mit einer Frau geschlafen habe.

Dies ist der Beginn einer der spektakulärsten Serien von Sexualmorden in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Einen ganzen Landstrich um den Hamburger Norden versetzte sie damals in Angst. Am Ende sind fünf Frauen tot.

Im April 2011 führt eine DNA-Reihenuntersuchung zu Hans-Jürgen Schröder aus Henstedt-Ulzburg, Schleswig-Holstein. Er ist 65 Jahre alt, Maurer, geschieden, Vater zweier erwachsener Töchter und Großvater. Ein unauffälliger, stiller Mann, von dem die Nachbarn nicht viel mehr wissen, als dass er HSV-Fan ist und seit Jahren wieder bei seiner 91-jährigen Mutter lebt, die er pflegt.

Fünf tote Frauen, das sind mehr, als dem Prostituiertenmörder Fritz Honka zum Opfer fielen, oder Thomas Holst, dem Heidemörder. Honka und Holst kamen in die Psychiatrie. Und Schröder?

Es gehe darum, eine Annäherung an unbegreifliche Taten zu finden, sagt der Vorsitzende Richter Jörg Brommann am ersten Verhandlungstag im Kieler Landgericht. Schröder wird viele Jahre, womöglich den Rest seines Lebens, hinter Mauern verbringen, das steht von vornherein fest. Die wichtige Frage, die das Gericht klären muss, ist die nach Schröders Schuldfähigkeit. Wurde er getrieben von einer abnormen, gewalttätigen Form von Sexualität, die er nicht steuern konnte? Sexueller Sadismus, so viel ist bei den Strafgerichten bekannt, bringt die unverständlichsten Taten hervor. Aber was genau ist das? Und wie stellt man es fest? Das Gericht muss sich mit Diagnosekriterien und Krankheitsmodellen auseinandersetzen, denn eine derartige Mordserie ist auch für eine erfahrene Strafkammer eine seltene Angelegenheit.

Drei Monate nach Jutta M. tötet Schröder die 16-jährige Renate B. nach einem Disco-Besuch. Ihr Skelett findet man Monate später. Im Juli 1970 fällt er die 21-jährige Angela B. an, in der Nähe einer Hamburger U-Bahn-Station. Im Oktober 1972 dann Ilse G., 15, auf dem Heimweg von der Arbeit in einem Feinkostgeschäft. Im Wald findet man ihre skelettierte Leiche, mit zerrissenem Slip.

Dann geschieht zwölf Jahre lang nichts.

Im Februar 1984 setzt sich die Schwesternschülerin Gabriele S. als Anhalterin in Schröders Auto, sie will in die Disco nach Alveslohe. Acht Tage später finden spielende Kinder sie im Wald. Von ihrer rosa Cordhose ist nur noch ein zerrissener Saumstreifen geblieben.

Die Angehörigen der Opfer, sagt Brommann, hätten ein Recht darauf zu erfahren, was damals genau passiert sei und warum es passiert sei. Einige sind gestorben, ohne zu wissen, wer der Täter war, der auch ihr Leben zerstört hat - nach den Morden lebten sie mit Angst, Depressionen, Schuldgefühlen, Alpträumen. Die Brüder und die Mutter von Gabriele S. und zwei Schwestern von Renate B. nehmen als Nebenkläger am Prozess teil. "Den Verantwortlichen zu sehen", sagt ein Bruder von Gabriele S., "das braucht man, um einen Abschluss zu finden. Auch wenn es ein gutes Ende nicht haben kann."

Am ersten Verhandlungstag sehen sie einen alten Mann hereinkommen, der nicht mehr richtig laufen kann, ein Hüftproblem. Jahrelang spielte Schröder Fußball auf Regionalliganiveau, war Schiedsrichter, ein leidenschaftlicher Tänzer. Seine Haare sind noch dicht und nicht ganz grau, gepflegter Vollbart, eine dunkelblaue Strickjoppe. Er könnte als pensionierter Sportlehrer durchgehen, er sieht nicht unsympathisch aus. Er setzt sich an seinen Platz und heftet seinen Blick an das Brillenetui in seinen Händen, es scheint, als halte er sich daran fest. Seine Verteidiger lässt er vortragen, er sei heute ein anderer Mensch als damals.

Ist das möglich?

Während Staatsanwalt Matthias Daxenberger die Anklageschrift verliest, hört Schröder mit verschränkten Armen zu, sein Blick geht ins Leere. Mord in fünf Fällen wirft Daxenberger ihm vor.

Die Sache mit Gabriele S. gab er noch im Polizeiwagen auf dem Weg ins Präsidium zu. Die anderen vier Morde hatte er wenige Tage später gestanden, aus freien Stücken. "Wir hätten ihm die Taten niemals nachweisen können", sagt der Zeuge Kommissar P., der Schröder verhört hat. Er habe wohl reinen Tisch machen wollen. "Das muss aufgeklärt werden", habe er gesagt. "Das tut mir leid."

Im Gerichtssaal schweigt er zu seinen Taten, aber bei der Polizei hat er geschildert, wie er die Frauen tötete. Alle seien Zufallsopfer gewesen. Er habe sie erst erwürgt und dann die Toten missbraucht. Nur bei Gabriele S., seinem letzten Opfer, sei es andersherum gewesen.

Als er Angela B. am Hals ins Unterholz zerrte, gingen Passanten so nahe vorbei, dass er sie sprechen hörte - ein hohes Risiko. Bei Ilse G. ging er komplexer vor. Er sah sie auf dem Weg zum Fußballtraining. Er habe sich hinter seinem Auto versteckt, habe noch gehofft, sie würde abbiegen, aber "leider" sei sie doch vorbeigekommen. Er springt hinter seinem Wagen hervor, würgt sie, legt sie in den Kofferraum. Auf einem Feldweg holt er ihre Leiche heraus, verkehrt mit ihr. Danach holt er seine Frau bei seinen Eltern ab, so gibt es der Kommissar wieder.

Schröders Verteidiger Horst Schumacher und Sebastian Knops ergänzen aus den Vernehmungsprotokollen Passagen, die Schröder als einen Menschen zeigen, der ratlos vor sich selbst steht.

Warum er die Mädchen getötet habe?

"Tja, innere Unruhe hatte ich gehabt. Ich wollte das ja auch nicht tun. Das war wie so ein Tunnel. Da kommt man nicht von weg." "Das war wie gesteuert. Ich konnte mich ja nicht beherrschen." Darüber hinaus gibt er als Motiv an: Enttäuschungen mit Mädchen, sexuellen Frust in der Ehe.

Bevor die Verhandlung zu ihrer zentralen Frage kommt, hakt der Vorsitzende mit Schröder die Eckdaten seines Lebens ab: die ärmliche Kindheit, den geschäftlichen Misserfolg seines Vaters, eines Tischlers, die beengten Wohnverhältnisse nach dem Krieg, den Spott anderer Kinder, weil er keine Kleider zum Wechseln hat. Versagen in der Schule, Maurerlehre. 1964 zieht er mit den Eltern in eine Sozialwohnung, Harksheide, Erlengang. Der Garten, in dem man sein erstes Opfer findet, liegt fast um die Ecke. Da ist er 22 Jahre alt.

Seine Frau lernt er ein Jahr später beim Tanzen kennen, dann die Heirat 1971, da sind schon zwei Frauen tot. Bei der vierten, Ilse G., ist seine Frau schwanger mit der ersten Tochter. 1984, bei seiner letzten Tat, war die Ehe schon marode, seine Frau sei "verklemmt" gewesen, Seitensprünge beiderseits, 1988 dann die Scheidung. Die ältere Tochter bleibt bei ihm.

Etwa 20 Jahre lang hat Schröder eine Beziehung mit seiner Schwägerin, sein Bruder duldet das, bis zuletzt spielen alle zusammen jeden Freitag Karten.

Bei der Wohnungsdurchsuchung finden die Beamten Postkarten seiner Töchter, auf einer steht: "Für den liebsten Papi der Welt." Was er vor der Familie verbirgt: 1994 wird Schröder zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, wegen Vergewaltigung einer Prostituierten. Sie gibt an, er habe ihr Mund und Nase zugehalten. Die Tat ist aus dem Bundeszentralregister gelöscht - rein rechtlich auch aus seinem Leben.

Den Frauen, mit denen Schröder zusammen war, erspart man den öffentlichen Auftritt; der Vorsitzende liest ihre Aussagen vor. Die Ex-Frau: "Er war im Grunde der Allerliebste. Lebenslustig. Ein Frauentyp." Sie hätten eine harmonische Ehe geführt, eine normale Sexualität. Und: "Unseren Töchtern hat er gesagt, sie sollten nie per Anhalter fahren."

Und die Schwägerin? "Also, ich kann sagen, er war ein zärtlicher Mann."

Am nächsten Verhandlungstag holt Brommann stapelweise vergilbtes Durchschlagpapier aus den Aktenmappen: Die alten Tatort- und Sektionsprotokolle werden verlesen, akribisch hielten die Ermittler damals alles fest, was Aufschluss hätte geben können: Anhaftungen von Tannennadeln, ein frischer Hymen-Einriss, Herz: Gewicht 170 Gramm, ein gebrochenes Zungenbein, ein Freundschaftsring, zwei in der Scheide vorgefundene Haare, asserviert. Stundenlang dauert das.

Schröder sitzt da wie immer, in sich gekehrt. Es ist ihm nicht anzusehen, ob eine Erinnerung aufblitzt an die rotlackierten Zehennägel von Renate B. oder die weiße Spitze am Büstenhalter von Ilse G. Aber ein Bild vom Archaischen, Impulshaften dieser Gewalttaten entsteht doch: All die zerrissenen Höschen, die mit großer Kraft um den Hals geknoteten Jacken und Schals - um einen Menschen zu erwürgen, muss man mindestens drei Minuten lang zudrücken.

Ist das nun krank? Oder böse? Zwei Sachverständige hat das Gericht bestellt, um diese Frage zu beantworten: einen Psychiater vom Gesundheitsamt, Michael Jehs, 58, in Kiel seit Jahren ein geschätzter, vielbeschäftigter Gutachter. Und, auf Antrag der Verteidigung, Peer Briken, 42, Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg.

Schröder war nicht schizophren, er ist durchschnittlich intelligent, er war bei seinen Taten nicht betrunken, da sind sich alle schnell einig. Aber womöglich litt er unter einer Persönlichkeitsstörung oder einer Störung seiner Sexualität, die krankhafte Ausmaße annehmen kann.

Juristisch fiele das in die Kategorie "schwere andere seelische Abartigkeit", ein möglicher Grund dafür, dass sich ein Mensch nur eingeschränkt steuern kann. Bei schätzungsweise der Hälfte aller sexuellen Tötungsdelikte sprechen Gerichte den Täter deswegen teilweise oder ganz von Schuld frei. Oft sind diese Täter besonders gefährlich, auch deshalb ist die korrekte Diagnose wichtig.

Doch solche psychischen Störungen kann man nicht messen wie einen Alkoholspiegel, sie erschließen sich vor allem über das, was der Betreffende aus seinem Innersten preisgibt. Für viele Allgemeinpsychiater ist dies ein rutschiger Pfad, auf dem man nach schambesetzten Dingen fragen muss, sie beschreiten ihn nicht gern. Für forensisch tätige Sexualwissenschaftler ist es der Königsweg in die Seelenlandschaft sexuell gestörter Straftäter.

Es ist ein Schulenstreit, auch um Tradition und Fortschritt. In Kiel führt er dazu, dass die Kammer am Ende vor zwei unterschiedlichen Befunden steht.

Michael Jehs hat Schröder elfmal getroffen, er hat ihn als einen Menschen erlebt, der sich schwer mitteilen kann. "Ich muss krank gewesen sein", habe Schröder zu ihm gesagt. Bis heute könne er sich nicht vorstellen, so etwas getan zu haben. Dies, sagt Jehs, sei nur ein "Versuch, die Verantwortung nach außen zu verlagern".

Über Schröders Innenleben hat Jehs wenig erfahren, das gibt er zu, auch nicht über seine Sexualität. Aber er hält ihn für voll schuldfähig, in allen fünf Fällen.

Jehs attestiert dem Hans-Jürgen Schröder von 1969 zwar "schwere Kontaktstörungen gegenüber Mädchen und Frauen"; es handle sich um Taten einer "hochgradig unreifen Person mit eingeschränkter Impulskontrolle". Das sei aber an sich nichts Krankhaftes, jeder fahre mal aus der Haut. "Herr Schröder konnte sich steuern, das mache ich fest am planvollen Ablauf der Tat: Beobachten, warten können, Spuren beseitigen." Für eine sexuelle Devianz sieht Jehs keinen Anhaltspunkt.

Dann ist Peer Briken an der Reihe. Der Sexualwissenschaftler gehört zu jenen Forschern, die fortlaufend Modelle sexuell abnormen Verhaltens erarbeiten, Tätertypen beschreiben, Diagnosekriterien und -standards entwickeln und sie zum Beispiel mit den Ergebnissen der Hirnforschung abgleichen. Medizin ist in Bewegung, im Verhältnis dazu ist das Recht eher eine statische Disziplin.

Briken hält es für wahrscheinlich, dass Schröder sich bei den ersten beiden Taten nicht steuern konnte, auch bei der dritten und vierten sei das möglicherweise so gewesen. Nur bei der fünften von 1984 sagt Briken, hätte er sich wohl auch dagegen entscheiden können.

Ein erstaunlich differenziertes Bild, nach so langer Zeit, Briken erklärt, wie er dazu kommt: Noch heute zeige Schröder selbstunsichere, paranoide Züge, damals hätten sie wahrscheinlich in krankhaftem Ausmaß vorgelegen, eine Persönlichkeitsstörung, die seine Fähigkeit zur Selbstkontrolle sehr wohl eingeschränkt haben könnte. Zugleich liege ein sexueller Sadismus vor: Dabei empfinden die Betroffenen Lust beim Ausüben von Macht, Erniedrigung und Gewalt über ein Opfer. Eine solche Paraphilie, so erklärt es Briken dem Gericht, könne die Steuerungsfähigkeit ähnlich beeinträchtigen wie eine Psychose. Planvolles Handeln wie das Suchen, Verfolgen, Auflauern könne bei diesen Tätern gerade ein Teil der sexuell erregenden Handlung sein.

Briken hat mehr von Schröder erfahren als sein Kollege, aber es gebe einen "Unsicherheitsfaktor": "Das meiste beruht auf der Ich-Perspektive des Herrn Schröder." Aber wie sonst sollte man sich dessen subjektivem Erleben nähern? Also: Mit 15 sieht er ein Mädchen, er ist hin und weg, so hat er es erzählt. Er geht ihr nach in ein Café, sie lädt ihn zu ihrem Geburtstag ein. Dort sitzt er dann, voller Angst, einen knallroten Kopf zu bekommen. Er weiß nichts zu sagen.

Wann immer Mädchen auf ihn zugehen - und das kommt öfter vor, denn er ist ein hübscher Junge, er kann tanzen -, steht ihm seine Sprachlosigkeit im Weg. Allmählich hält er Mädchen für feindselig, er fühlt sich von ihnen bedrängt, denkt, sie lachten über ihn, über seine schäbige Kleidung. Zugleich leidet er unter seinem wachsenden Bedürfnis nach Sex. Andere haben ihre erste Freundin, er bleibt verkapselt und einsam.

Mit 17, 18 Jahren habe er sich erstmals vorgestellt, er werde einem Mädchen "mit Gewalt die Hose runterreißen und es vergewaltigen". Über Jahre hinweg, so berichtet er Briken, habe er mit dieser Phantasie masturbiert, hinterher voller Scham und Entsetzen über sich selbst. "Ich habe mir vorgestellt, dass sie sich nicht wehren kann. Sie sollte sich nicht bewegen, nichts sagen. Das war, als wenn ich getrieben bin. Ich hatte Angst, Mädchen anzufallen."

Als er den Führerschein hat, beginnt er, Anhalterinnen mitzunehmen und phantasiert, sie zu vergewaltigen, aber er tut es nicht - bis er Jutta M. aus dem Bus steigen sieht. In dem Moment schon hat er eine Erektion, die bleibt, auch als er ihr den Hals zudrückt.

Danach habe er auch das Würgen, das Töten in seine erregenden Phantasien eingebaut - ein Verlauf wie aus dem Lehrbuch. Eines Tages reicht es nicht mehr, Dinge in der Phantasie durchzuspielen. Etwas bricht durch, ohne Rücksicht auf das Risiko. Schröder sagt das so: "Die Taten sind aus mir herausgesprudelt."

Nur bei seiner letzten, nach zwölf Jahren Pause, habe er selbst weniger Zwang verspürt, er hat das für Briken auf einer Skala eingezeichnet. Und die Reihenfolge ist andersherum: erst die Vergewaltigung, dann das Töten. Nach der Vergewaltigung sei seine Erregung abgeklungen, erinnert sich Schröder, die Tötung sei ein Entschluss gewesen. Er habe danach das Auto gereinigt, die Sache verdrängt, so gut es ging. Er glaube, der Hass auf seine Frau sei der Auslöser gewesen.

War Schröder also bei den ersten vier Taten krank - und bei der fünften, zwölf Jahre später, böse? Und warum hört er dann mit dem Töten auf, als gebe es dafür einen An-Aus-Mechanismus?

Aus Brikens sexualwissenschaftlicher Sicht ist das nicht so unerklärlich: Störungen können im Lauf der Jahre ihre Dynamik verlieren. Zum Beispiel weil ab 30 beim Mann der Testosteronspiegel fällt; weil Schröders Persönlichkeit sich weiterentwickeln konnte; weil er, später, auch erleben konnte, was man eine normale Sexualität nennt. Als er Gabriele S. vergewaltigte, habe er offenbar nicht mehr die Kontrolle über eine tote Frau gebraucht; bei der Sache mit der Prostituierten fehlte die Tötung dann ganz.

Richter Brommann schaut zweifelnd. Wo der Mediziner einen Verlauf diagnostiziert, wird er am Ende eine normative Grenze ziehen müssen: schuldfähig oder nicht. Er hinterfragt die Sadismus-Diagnose: Warum diese Veranlagung nie in anderen Beziehungen aufgeblitzt sei?

Man könne sich, sagt Briken, eine Paraphilie vorstellen wie eine Plombe, die alles Gestörte innerhalb des Ichs versiegelt und so dafür sorgt, dass der Rest der Persönlichkeit nach außen stabil wirkt.

Die gewalttätigen Phantasien führten ihr Eigenleben, wie abgespalten in einem anderen Teil der Persönlichkeit, und der Mensch lebe ansonsten sein biederes Leben mit einer ahnungslosen Frau, Kindern, Häuschen - ein klassisches Muster. Manche schämten sich ihrer monströsen Phantasien stärker als ihrer Taten. Also sagten sie: Ich habe getötet aus Angst vor Entdeckung, weil meine Frau verklemmt ist, aus Ärger mit dem Chef - irgendetwas, was vielleicht sogar für sie selbst nach einer rationalen Erklärung klinge.

Briken macht bei Schröder den Sadismus auch an der Reihenfolge der Handlungen fest. In der medizinischen Fachwelt ist nicht nur das Quälen eines Opfers ein Merkmal von Sadismus, sondern auch das Beherrschen: "Ich kann keine andere Notwendigkeit sehen, warum Herr Schröder bei den ersten vier Taten vor der Vergewaltigung getötet hat", sagt Briken. "Außer dieser: Töten bedeutet Kontrollieren in einem absoluten Ausmaß, maximale Wehrlosigkeit, Sprachlosigkeit."

"Ist das nicht alles Theorie?", fragt der Staatsanwalt.

Im Plädoyer sagt Daxenberger, er habe lange darüber nachgedacht, doch letztlich enthalte Brikens Gutachten für ihn zu viele Unsicherheitsfaktoren. Dagegen hält Daxenberger: Fünf tote junge Frauen, Mordmerkmale wie Heimtücke und niedere Beweggründe. Er fordert eine lebenslange Freiheitsstrafe und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.

Die Verteidiger beantragen wegen verminderter Steuerungsfähigkeit eine Strafe unterhalb von lebenslänglich, praktisch bedeutet das: weniger als 15 Jahre.

Schröder selbst hat ein letztes Wort verfasst, er nestelt aus dem Etui seine Brille hervor und liest: "Es tut mir sehr leid." Er wolle zu seiner Verantwortung stehen. "Ich möchte den Hinterbliebenen mein herzliches Beileid wünschen", bringt er hervor, tränenerstickt. Auch bei der eigenen Familie entschuldigt er sich.

Als Richter Brommann am vergangenen Mittwoch das Urteil verkündet, schickt er vorweg, das Problem der Schuldfähigkeit sei keine medizinische, sondern eine Rechtsfrage. Das Gericht könne "aus eigener Sachkunde" über die Steuerungsfähigkeit entscheiden. Schröder habe bei seinen Taten taktiert, es fehle die Komponente des Quälens, sein Alltag war nicht gestört wie bei einem Psychosekranken, er sei voll schuldfähig.

Das Gericht hat Hans-Jürgen Schröder zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes in fünf Fällen verurteilt, aber es hat keine besondere Schwere der Schuld festgestellt. Damit wird seine Entlassung nach 15 Jahren geprüft werden.

#7 RE: Presseberichte von wetterfrosch 21.05.2018 21:02

avatar

Polizei: Mord an Schülerin Silke Brüchmann am 1. Juni 1985: Leichenfundort in der Feldmark: Feldweg Richtung Trave zwischen Schlamersdorf und Travenbrück: Absperrung an Einmündung in Segeberger Chaussee: in der Mitte Polizeimotorräder und mehrere Polizisten: links Pkw: hinten Wiese mit Rinderherde, Getreidefeld und Büsche

https://www.archivportal-d.de/item/PTOMI...LQRPQQI6Q7O23JP

#8 RE: Presseberichte von wetterfrosch 21.05.2018 21:10

avatar

15.04.17
Ahrensburg

Zwei Morde in Taxis – eine Spurensuche im Reagenzglas

Dorothea Benedikt

DNA-Analyse überführt Verbrecher auch nach der Tat. Jetzt werden Fälle aus den 1980er-Jahren in Köthel und Wentorf erneut untersucht.

Doch viele Mordfälle bleiben ungeklärt, obwohl die Ermittler Informationen über den Täter in der Hand halten, auf diese aber nicht zurückgreifen können. Solch ein Fall ist der Mord an Silke Brüchmann aus Reinfeld. Die 15 Jahre alte Schülerin wurde 1985 ermordet. Rund 25 Jahre später fanden die Lübecker Ermittler, die den Fall neu aufgerollt hatten, DNA-Spuren eines Mannes an den Asservaten. Daraufhin folgte 2010 der bis dato größte Massengentest in der Geschichte Schleswig-Holsteins. Rund 2200 Männer wurden zur Speichelprobe aufgerufen. Bis auf 40 gaben die Männer freiwillig eine Probe ab, der Täter war jedoch nicht dabei. Die Ermittlungen dazu dauern noch an.

Nur tatrelevante Spuren dürfen eine Rolle spielen

Nicole von Wurmb-Schwark, die heute ein privates Labor in Hamburg hat, war 2010 Leiterin der forensischen Genetik am Universitätsklinikum in Kiel und wertete mit ihren Mitarbeitern die Proben im Mordfall Silke Brüchmann aus. Für die Rechtsmedizinerin ist dieser Mordfall ein gutes Beispiel dafür, dass die Bestimmung der äußeren Merkmale des Täters die Ermittlungen auf eine kleinere Gruppe gelenkt hätten. "Ganz pragmatisch könnten solche Möglichkeiten mehrere Zehntausend Euro einsparen", sagt Wurmb-Schwark, die eine Ausweitung der DNA-Untersuchungen im Prinzip nicht schlecht findet. "Allerdings, wenn es dazu eine vernünftige Gesetzeslage gibt", sagt sie.

https://www.abendblatt.de/region/stormar...eagenzglas.html

#9 RE: Presseberichte von wetterfrosch 21.05.2018 21:16

avatar

Silke Brüchmann
* 1970 ? † Sa., 1. Juni 1985, bis spätestens 20:30 Uhr
Reinfeld bei Lübeck

Silke Brüchmann wurde ermordet, sie wurde nur 15 Jahre alt
Sie wurde einen Tag später tot in den Travenwiesen aufgefunden.

Die Polizei konnte den Täter bis heute nicht ermitteln.

http://www.memoria-vestri.org/tag/mord/page/29/

#10 RE: Presseberichte von wetterfrosch 04.09.2020 23:41

avatar

LÜBECK/REINFELD: Tötungsdelikt z. N. von Silke Brüchmann (1985)

Januar 23, 2020

5 Jahre alter Mordfall noch immer ungesühnt

Das grausige Verbrechen in den Travewiesen erschütterte 1985 ganz Norddeutschland: Die damals 15-jährige Silke B. war ermordet in der Feldmark an der Verbindungsstraße zwischen Bad Oldesloe und Bad Segeberg gefunden worden.

Am 1. Juni 1985, ein Samstag, wird Silke Brüchmann (15) am Rand eines Rapsfeldes in Reinfeld, Kreis Stormarn von Spaziergängern gefunden. Das Mädchen lag mit dem Gesicht im Morast, getötet durch Schläge auf den Kopf und Stiche in den Hals. Silke war an diesem Tag baden und wollte anschießend mit ihren Freunden eine Party besuchen. Die Schülerin soll am Vorabend gegen 17 Uhr zur Party "Spektakel 85" in der Schule Masurenweg in der benachbarten Kreisstadt Bad Oldesloe aufgebrochen sein; sie ist dort nie angekommen.

Mit dem Bus fährt Silke nach Bad Oldesloe. Dort verliert sich ihre Spur gegen 18.30 Uhr. Die Ermittler gehen davon aus, daß sie dort ihrem Mörder ins Auto gestiegen ist. Nur zwei Stunden später macht ein Ehepaar in den Travewiesen einen Abendspaziergang. Sie finden ein weißes Söckchen, einen Schminkspiegel und die schwarze Jacke von Silke. Am nächsten Tag durchkämmen Polizisten die Örtlichkeit und entdecken eine Schleifspur im Raps und an deren Ende die Leiche von Silke. Schuhe, Strümpfe und Jacke waren ausgezogen, es lag aber kein Sexualdelikt vor. Ihr Peiniger hatte sie mit einem Messer tödlich verletzt.

Das Messer mit einer 19 Zentimeter langen Klinge, mit dem sie getötet wurde, findet de Polizei am Tatort, dazu Zigarettenkippen mit der DNA des Täters.

Im Jahr 1985 konnte due DNA Spur noch nicht ausgewertet werden, da es noch keine Analyse Verfahren gab. Zudem hatten die Gerichtsmediziner damals schwerste Kopfverletzungen an dem Leichnam festgestellt.

Einige Monate nach der Tat wird die Akte geschlossen, ungelöst und unvergessen. 25 Jahre vergehen, ehe sie im Herbst 2010 wieder hervorgeholt wird.

Im Herbst 2010, mehr als 25 Jahre nach dem Tod der Schülerin, führte der Fall zum bis heute größten Massengentest in der Geschichte des Landes. 2200 Männer wurden aufgefordert, eine Speichelprobe abzugeben. Und die Ermittler sagten, sie seien sich sicher, dass Silkes Mörder unter diesen 2200 sei. Mag sein, dass es so ist. Gefunden haben sie ihn nicht. Die Ermittlungen stocken. Seitdem ist es sehr ruhig, um den Fall Brüchmann geworden.

Die Polizei arbeitet nur nich an dem Fall Brüchmann, wenn es nichts anders zu tun gibt. Aber eigentlich gibt es immer was bei der Polizei zu tun.
Seit dem Mord, sind mittlerweile 35 Jahre vergangen.

Der Fall bleibt bis heute ungeklärt.

https://germanmissing.blogspot.com/2020/...kt-z-n-von.html

Xobor Xobor Community Software
Datenschutz