#1 RE: Presseartikel von 19.02.2015 09:54

Der Mord an der kleinen Marina bleibt ungesühnt
Von Heinrich, Karin

ADLERSHOF - Der Tod der kleinen Marina Ermer (9) bleibt unaufgeklärt. Der lange verdächtige Christian J. (39) wurde vom Mordvorwurf freigesprochen. Der Tod der kleinen Marina Ermer(9) bleibt unaufgeklärt.Der lange verdächtige Christian J.(39) wurde vom Mordvorwurf freigesprochen.

Doch so richtig freuen wollte er sich gestern nicht: "Ich bin erst glücklich, wenn der wahre Täter gefasst ist. " Von Anfang an hatte der Tischler den Mord bestritten. Am 10. Juli '93 war Marina Ermer auf dem Weg zum Spielplatz verschwunden. Ein Jahr später fand man die skelettierte Leiche auf einem Dachboden in der Dörpfeldstraße - in einem Bettbezug, der der ehemaligen Lebensgefährtin des Angeklagten gehörte. Die aufgestempelte Wäschenummer sollte J. überführen.

"Doch das stärkste Indiz ist im Verlauf des Prozesses ins Wanken geraten", sagte Richter Hans Luther. Die Wäschereibesitzerin hatte als Zeugin ausgesagt, dass damals durchaus Stücke vertauscht worden seien. Der Bezug konnte also auch an Fremde ausgehändigt worden sein. Auch Tatort, und -zeit waren nicht mehr zweifelsfrei zu klären.

Luther: "Wer nun wirklich der Täter ist, wissen wir nicht. Vielleicht wird er ja nervös, wenn J. jetzt draußen ist . . . " "Heute wird gefeiert", sagte der nach dem Freispruch und erinnerte sich an Momente im Gefängnis, in denen er dachte: "Hier kommst du nicht mehr raus. " Doch seine Frau, die Familie, der Anwalt hätten ihn immer wieder aufgerichtet. Für die sieben Wochen Untersuchungshaft wird er entschädigt. "Ich habe heute noch Albträume. "

http://www.berliner-kurier.de/archiv/der...02,7937624.html

#2 RE: Presseartikel von 19.02.2015 09:56

EIN LAGERARBEITER IST DES MORDES AN EINEM KIND ANGEKLAGT. ER SAGT, ER SEI UNSCHULDIG UND ES GIBT GEGEN IHN NUR INDIZIEN - NUN SOLL EIN "PROFILER" AUS WIEN HELFEN, DEN FALL ZU KLÄREN
"Wenn ich der Täter wäre ... "
Von Sabine Deckwerth


BERLIN, 11. Mai. Thomas Müller ist ein Mann für komplizierte Fälle: Wenn Mordkommissionen nicht weiter wissen, ist der Spezialist aus Wien gefragt. Müller ist 35 Jahre alt, Psychologe und hat sein Büro im österreichischen Innenministerium. Er ist ein "Profiler", einer, der Kriminalfälle analysiert und Hinweise auf mögliche Täter geben kann. Müller gilt in Europa als Koryphäe auf dem Gebiet der Tatortanalyse und beim Erstellen von Täterprofilen. Jetzt hat er seinen ersten Fall in Berlin.

Vergebliche Suche Müller ist Gutachter in einem Prozess, der am gestrigen Donnerstag vor der 32. Großen Strafkammer des Berliner Landgerichts begann. Es geht um den Tod der neunjährigen Marina Ermer; sie verschwand am 10. Juli 1993. Sieben Jahre nach Marinas Tod sitzt der 39 Jahre alte Christian J. wegen Mordes auf der Anklagebank. Der Staatsanwalt sagt, J. habe Marina "vermutlich erwürgt und erdrosselt". Der Angeklagte sagt: "Ich habe mit dem Mord nichts zu tun, es ist erschütternd für mich, dass mir so ein Vorwurf gemacht wird. Ich liebe meine Familie, ich könnte niemals Kinder anfassen."

Die neunjährige Marina verließ am 10. Juli 1993 um 15.25 Uhr ihre Wohnung an der Thomas-Müntzer-Straße in Berlin-Adlershof, um zu einem Spielplatz zu gehen. Dort kam sie nicht an. Polizisten durchsuchten die Köllnische Heide, befragten die Nachbarn, baten um Hinweise aus der Bevölkerung. Von Marina fanden sie keine Spur. Die Polizisten suchten jedoch nicht in allen umliegenden Häusern.

Erst ein Jahr später, im Juli 1994, wurde ihre Leiche gefunden, unbekleidet, in einen Bettbezug gewickelt und mit einer Plastiktüte über dem Kopf. Sie lag in der Dörpfeldstraße 13, etwa 100 Meter von Marinas Elternhaus entfernt. Ein Mieter entdeckte das tote Kind beim Aufräumen des Dachbodens. Die Ermittler gehen davon aus, dass Marina Ermer sexuell missbraucht wurde.

Sie wissen nicht, ob vor oder nach ihrem Tod. Die Gentechniker fanden keine Spuren mehr von Blut oder Sperma an der Leiche. Sie fanden nur Sperma in Papiertaschentüchern, die in einer Ecke auf dem Dachboden lagen. Das Sperma wurde gentechnisch untersucht.

Und so viel ist sicher, es stammt von Christian J. J. lebte einst im dritten Stock in der Dörpfeldstraße 13, gleich unter dem Dach. Er war sechs Monate nach Marinas Verschwinden ausgezogen. Als Marinas Leiche entdeckt wurde, befragte die Polizei auch ihn als Zeugen und bat ihn um eine Speichelprobe für einen Genvergleich.

J. war einverstanden. Damals sagte er den Ermittlern, er habe auf dem Dachboden onaniert, weil er Streit mit seiner Freundin gehabt habe. Von der Leiche habe er nichts bemerkt. Die Kripo konnte ihm nichts nachweisen, sie kam in diesem Fall nicht weiter, die Akte Marina Ermer wurde ungeklärt weggelegt.

Fünf Jahre vergingen, bis ein Beamter sie im Jahre 1999 noch einmal zur Hand nahm. Routinemäßig, das ist bei ungeklärten Mordfällen üblich. Binnen kurzer Zeit fand der Mann heraus, wem der Bettbezug gehörte, in den die Leiche eingewickelt worden war. An ihm heftete der Zettel einer Adlershofer Wäscherei, mit einer Nummer. Ihm war bei früheren Ermittlungen offenbar keine Beachtung geschenkt worden. Jetzt wurden hunderte Kunden der Wäscherei überprüft. Dann stellt sich heraus, wer den Bezug reinigen ließ: die frühere Lebensgefährtin von Christian J.

Am 21. Oktober 1999 wurde J. verhaftet. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. Sein Verteidiger Heinz H. Möller sagt, "nach meiner Theorie läuft der, der es getan hat, noch immer frei rum. J. passt einfach nicht in das Bild eines Sexualtäters". Es ist schon einiges aus dem Leben des Christian J. bekannt geworden; in solchen Prozessen legen Zeugen und Gutachter das Intimleben eines Angeklagten bloß.

Da werden Nachbarn nach Eindrücken und Besuchen gefragt und frühere Freundinnen nach seinem Charakter und seinen sexuellen Vorlieben. Petra S., eine ehemalige Freundin, schildert J. als sehr liebevoll, aber auch sehr eifersüchtig. Er habe sie einmal aus Eifersucht gewürgt. Sie sagt aber auch, dass sie ihm einen Sexualmord nicht zutraue, und dass er sexuell "völlig normal war". J. selbst hat viel erzählt an diesem ersten Verhandlungstag. Er ist Sohn eines Chemieingenieurs und einer Laborantin, er ist nicht vorbestraft. Er sagt, er habe eine glückliche Kindheit gehabt.

"Meine Eltern halten auch jetzt zu mir." Er arbeitete vor der Wende als Betriebstischler bei Berlin-Chemie und ist seit fünf Jahren Lagerarbeiter in einer Spedition, die ihm noch nicht gekündigt hat. Er sagt, er sei jemand, der gern in der Kneipe um die Ecke ein Bierchen trinke, aber nie Schnaps.

"Aber wenn ich einmal bisschen mehr angeheitert bin, habe ich noch nie eine Frau sexuell angemacht. Dann fange ich an, alle Menschen zu lieben." Seit fünf Jahren ist er mit einer Frau verheiratet, die drei Kinder hat.

Analyse des Tatorts "Die Taschentücher mit dem Sperma hätte ich doch nie in eine Ecke geschmissen, wenn ich der Täter wäre, sondern in den Müll", sagt J. vor Gericht. Offenbar hielten auch die Ermittler die Indizienkette gegen J. für zu dünn.

Warum sonst sollten sie den Psychologen Müller aus Wien mit einer Tatortanalyse beauftragt haben? Der "Profiler" wird in der kommenden Woche als Gutachter gehört. "Nach meiner Theorie läuft der, der es getan hat, noch immer frei rum. " Der Anwalt des Angeklagten J.

http://www.berliner-zeitung.de/archiv/ei...90,9798500.html

#3 RE: Presseartikel von 19.02.2015 09:57

Berlin
Dachboden-Mord: Das Verbrechen bleibt vermutlich ungesühnt: Der Staatsanwalt plädiert wegen brüchiger Beweiskette auf Freispruch

22.06.2000 00:00 Uhr
Von Peter Murakami


Christian J. schossen Freudentränen in die Augen, als der Staatsanwalt am Donnerstag Freispruch beantragte. In dem spektakulären Indizienprozess musste sich der 39 Jahre alte Lagerarbeiter seit Mitte Mai vor dem Berliner Landgericht wegen des Mordes an der 9-jährigen Marina Ermer verantworten. Die Staatsanwaltschaft sah es als erwiesen an, dass Christian J. das im Juli 1993 auf dem Nachhausweg von einem Kinderspielplatz in Adlershof verschwundenen Mädchen auf dem Dachboden seine Wohnhauses sexuell missbraucht und ermordet hat.

Staatsanwalt von Hagen ließ keinen Zweifel daran, dass er den vor drei Wochen aus der Untersuchungshaft entlassenen Mann nach wie vor verdächtigt, das Verbrechen begangen zu haben.


"Ich halte Sie für den Täter, Herr J.", rief er dem Angeklagten zu. Dass er dennoch für einen Freispruch plädiere, liege an der lückenhaften Indizienkette. In seinem Plädoyer wies er darauf hin, dass nicht mit letzter Sicherheit geklärt werden könne, ob das Mädchen auf dem Dachboden ermordet, oder nur dort abgelegt worden sei. Für ihn sei die These des Wiener "Profilers" Thomas Müller schlüssig, dass der Dachboden in der Dörpfeldstraße 13, wo die Kinderleiche gefunden worden war, auch der Tatort gewesen ist. Daran habe auch die Anhörung einer Gerichtsmedizinerin unmittelbar vor dem Plädoyer nichts geändert. Diese hatte im Gegensatz zu dem renommierten Wiener Kriminalpsychologen unterstellt, dass der Mörder das Mädchen lediglich auf dem Dachboden abgelegt habe. Der Staatsanwalt fand es sehr unwahrscheinlich, dass ein Mörder eine unbekleidete Kinderleiche in einem Plastiksack in ein fremdes Haus trage.


Ein weiteres Indiz waren die auf dem Dachboden gefundenen Spermaspuren von Christian J.. Seine Begründung, er habe auf dem Boden mehrfach onaniert, könne man nicht widerlegen, sagte der Staatsanwalt. Es sei aber merkwürdig, dass der Angeklagte den Verwesungsgeruch auf dem Boden nicht wahrgenommen haben will. In diesem Zusammenhang habe er sich auch in Widersprüche verwickelt.

Die große Lücke in der Indizienkette sah von Hagen allerdings im Hinblick auf die Möglichkeit, dass das Laken, in das die Leiche eingewickelt worden war, und das man bis zu seiner damaligen Lebensgefährtin zurückverfolgen konnte, in der Wäscherei vertauscht worden sein könnte. Der Prozess wird am kommenden Donnerstag mit dem Plädoyer der Verteidigung fortgesetzt.

http://www.tagesspiegel.de/berlin/dachbo...uch/149306.html

#4 RE: Presseartikel von 19.02.2015 09:59

SECHS JAHRE NACH DER TAT SITZT VERDÄCHTIGER IN HAFT
Mord an Neunjähriger aufgeklärt?
Von Sabine Deckwerth und Lutz Schnedelbach

Sechs Jahre nach dem Mord an der neunjährigen Marina Ermer aus Adlershof haben Polizei und Staatsanwaltschaft den mutmaßlichen Täter gefasst. Wie am Freitag bekannt wurde, sitzt seit Ende Oktober ein 39-jähriger Mann in der Untersuchungshaftanstalt Moabit. Dem Vernehmen nach soll es sich um einen nicht vorbestraften früheren Mieter des Hauses in der Adlershofer Dörpfeldstrasse handeln, in dem die Leiche des Kindes gefunden worden war. Bislang galt der Mord an dem Kind als nicht aufgeklärt.

Justizsprecher Martin Steltner bestätigte am Freitag, dass gegen einen Beschuldigten in Kürze Anklage erhoben wird. Das Mädchen hatte am 10. Juli 1993 um 15.25 Uhr ihre Wohnung in der Thomas-Müntzer-Straße verlassen, um zu einem Spielplatz zu gehen. Dort kam es aber nie an. Ein Jahr später, im Juli 1994, entdeckte ein Mann beim Aufräumen auf einem Dachboden in einem 100 Meter entfernten Haus in der Dörpfeldstraße die skelettierte Leiche des Kindes. Das Haus stand damals fast leer. Die meisten Mieter waren schon ausgezogen, weil es saniert werden sollte. Das Kind war sexuell missbraucht und erdrosselt worden. Doch die Ermittler fanden ein Jahr nach dem Verbrechen kaum Hinweise auf den Täter.

"Nach so langer Zeit ist die Spurenlage gleich Null", hieß es damals. Auch brauchbare Hinweise aus der Bevölkerung gab es nicht. Die nackte Leiche des Mädchens war in Bettlaken gewickelt. Die Tücher sollen die Ermittler jetzt auf die Spur des Verdächtigen geführt haben. An ihnen hafteten noch Reinigungsschilder aus einer Adlershofer Wäscherei. Die Laken waren allerdings schon viele Jahre zuvor dort gereinigt worden.

Justizsprecher Steltner wollte das nicht bestätigen. Er sprach lediglich von "Fundstücken am Tatort und weiteren Zeugenaussagen", durch die die Ermittlungen abgeschlossen werden konnten. Sollte es zu einer Verhandlung kommen, wird es vermutlich ein Indizienprozess. Die Beweislage ist schwierig, weil es nur wenige Spuren und keine Tatzeugen gibt. Die Mutter des Mädchens war kurz nach der Tat mit ihrem 13-jährigen Sohn nach Hessen gezogen.

http://www.berliner-zeitung.de/archiv/se...90,9734362.html

#5 RE: Presseartikel von 19.02.2015 10:02

MORDKOMMISSION GEHT JEDEM HINWEIS ZUM TÄTER NACH
In Adlershof wird um die tote Marina getrauert
Von Fred Hasselmann

Der Tod der neunjährigen Marina Ermer. die seit einem Jahr vermißt wurde und deren Leiche am Montag abend auf einem Dachboden in der Dörpfeldstraße gefunden wurde, halt die 8. Mordkommission in Atem.

In Adlershof wird um Marina Ermer getrauert: "Ich hab s im Fernsehen gehört. Das ist ja schrecklich", zeigt sich eine Zeitungsverkauferin am S-Bahnhof betroffen. Der gewaltsame Tod des neunjährigen Mädchen, das von einem Mieter der Dörpfeldstraße 13 auf einem Dachboden beim Gerümpelaufräumen gefunden wurde, bewegt Nachbarn und Anwohner.

"Wir haben vor einem Jahr, als die Kleine vermißt wurde, alle mitgesucht und mit der Mutter gelitten", erzählt die Currywurst-Verkäuferin an " Fanne s Imbißstand".

Suche blieb erfolglos

Damals wollte das kleine Mädchen nur auf den Spielplatz gehen, kam aber nicht mehr nach Hause. Eine Zeugin will das Kind auf dem Spielplatz an der Schneckenburger Straße gesehen haben, dazu einen jungen Mann, der auf einer Bank nervös seine Zigaretten rauchte.

Die Hinweise halfen jedoch nicht weiter. Polizisten durchkämmten mit Spürhunden die nähere Umgebung, durchsuchten leerstehende Häuser und den Friedhof an der Friedlandstraße. Vergeblich.

Auch die Suche in der Köllnischen Ileide blieb erfolglos. "Es wurden damals auch Handzettel mit dein Bild des Kindes verteilt", erinnert sich ein Spielzeugwarenhändler. Schwere Ermittlungen Ilona Scholz, Chefin der 8. Mordkommission, mußte der Mutter die schreckliche Nachricht überbringen.

"Frau Ermer hatte immer noch ein Fünkchen Hoffnung, fragte immer wieder bei uns nach, ob i s denn 1 Imweise gäbe". sagt die Kripobeamtin. Um so tiefer traf Heike Ermner die Nachricht vom od ihrer Tochter, die ein Jahr lang nur rund 100 Meter von ihrem Zuhause in der Thomas-Muntzer-Straße entfernt lag. Gerichtsmediziner gehen davon aus, daß das Mädchen bereits am Tag ihres Verschwindens umgebracht wurde.

Den Experten hatte sich am Fundort der Toten ein grausames Bild geboten. Die schon skelettierte Leiche des Kindes lag auf einer alten Liege inmitten von Gerümpel. Über die Todesursache liegen nach Angaben der Mordkommission noch keine endgültigen Erkenntnisse vor. "Wir gehen jetzt jeder noch so kleinen Spur nach", erklärte Ilona Scholz. "In zwei, drei Tagen hoffen wir, mehr zu wissen."

http://www.berliner-zeitung.de/archiv/mo...90,8855476.html

#6 RE: Presseartikel von Christine 10.03.2019 08:13

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29.06.2000, 00:00 Uhr
Berlin Mordfall Marina: Freispruch für den Angeklagten - Die Indizien kippten

Katja Füchsel

Er verlässt das Gericht als freier, "als glücklicher Mann". Und doch, sagt Christian J. auf dem Gerichtsflur, könne das Urteil die vergangenen Monate nicht ungeschehen machen. "Als ewiger Albtraum" werde ihn die Anklage begleiten. Der Makel, als mutmaßlicher Mörder der kleinen Marina Ermer vor Gericht gestanden zu haben, bleibe an ihm haften - bis "der wahre Mörder" gefunden ist. Doch heute, für einen Abend, will er diese Aussicht vergessen. "Ich werde feiern, feiern, feiern! Mit meiner Familie und meinen Freunden!", jubelt Christian J.


Der 39-Jährige hört es nicht, doch fast im selben Augenblick bestätigt der Staatsanwalt nur wenige Meter weiter die Befürchtungen des Freigesprochenen. "Ich rücke nicht von meiner Überzeugung ab", verkündet Michael von Hagen. Nach der Lage der Indizien sei für das Gericht ein Freispruch zwar zwingend gewesen, aber: Er persönlich halte Herrn J. nach wie vor für den Täter. Von Hagen glaubt, dass der Lagerarbeiter im Juli 1993 die neunjährige Marina auf dem Dachboden seines Hauses in Adlershof getötet hat. Das Mädchen war an diesem Tag nicht vom Spielplatz zurück gekehrt. Erst ein Jahr später fand ein Nachbar die skelettierte Leiche, eingewickelt in ein Bettlaken, auf dem Dachboden des fast leerstehenden Miethauses. Doch der Ankläger konnte seine Theorie nur auf Anhaltspunkte stützen; seine Indizienkette schloss sich nie lückenlos. Nachdem von Hagen deshalb in der vergangenen Woche selbst auf Freispruch plädierte hatte, verkündete der Vorsitzende Richter am Donnerstag erwartungsgemäß: "Wir wissen nicht, wer der Täter ist." Das stärkste Indiz sei im Laufe des Prozesses ins Wanken geraten, sagte Hans Luther. "Und damit kippen auch die anderen."

Das stärkste Indiz war ein Bettlaken. Fünf Jahre lang galt der Mord an Marina als ungeklärt, dann nahm ein Kripo-Beamter die Akte routinemäßig zur Hand - und stieß auf einen kleinen, verblichenen Waschzettel. Er stammte aus einer Adlershofer Wäscherei und haftete an dem Bettbezug, unter dem Marinas Leiche lag. Nun fanden die Ermittler heraus: Es gehörte der damaligen Freundin des 39-Jährigen. Das Stück Stoff schaffte die fehlende Verbindung zwischen dem toten Mädchen und dem ehemaligen Mieter. Einziger Makel: "Die Fehlerquote bei der Ausgabe der Wäsche ist in der Reinigung zu hoch", sagt Luther. Es sei deshalb nicht auszuschließen, dass das Laken der Freundin an einen Fremden ausgeliefert wurde.

Christian J. hatte bis zuletzt seine Unschuld beteuert. "Ich bin nicht der Täter. Ich könnte niemals Menschen weh tun, geschweige denn töten." Er komme aus einer glücklichen, katholischen Familie und führe seit fünf Jahren eine "Bilderbuchehe". Anfang der 90er Jahre habe er ebenfalls eine feste, wenn auch manchmal schwierige Beziehung geführt. Weil sich seine damalige Freundin zuweilen verweigert habe, sei er manchmal mit einem Pornoheft auf den Dachboden geschlichen, um zu onanieren. Die beschmutzten Taschentücher, die Christian J. in eine Ecke geworfen hatte, fand die Polizei, als sie das Haus in der Dörpfeldstraße untersuchte. Ausreichend Tatverdacht für eine Festnahme lieferten sie nicht.

https://www.tagesspiegel.de/berlin/mordf...ten/150788.html

#7 RE: Presseartikel von wetterfrosch 06.09.2020 22:36

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Die neun Jahre alte Marina Ermer aus Berlin-Adlershof will am 10. Juli 1993 von ihrem Zuhause in der Thomas Müntzer-Straße zum Spielplatz in der Schneckenburger Straße, einmal um den Häuserblock herum. Dort kommt sie aber nicht an. Von Marina keine Spur. Im Juli 1994 wird ihre Leiche in der Dörpfeldstraße, unweit ihres Elternhauses, von einem Mieter auf einem Dachboden gefunden. Das fast völlig skelettierte Mädchen befand sich unter einer umgekippten Couch, stranguliert und missbraucht, eingewickelt in einem Bettbezug. Über ihrem Kopf waren mehrere Plastiktüten gestülpt. Das T-Shirt der Kleinen war zu einem Strick zusammengedreht und befand sich fest um ihren Hals gebunden. Leider konnte man nach einem Jahr an der Kinderleiche keine verwertbaren Spuren wie Blut oder Sperma finden. Die Ermittler gingen davon aus, daß das Mädchen sexuell missbraucht wurde. Einzig fanden die Ermittler Sperma in Papiertaschentüchern die auf dem Dachboden herum lagen. Es stellte sich heraus, daß das Sperma Christian J. stammte. J. hatte hier im Haus direkt unter dem Dachboden gewohnt, war aber sechs Monate nach dem Verschwinden von Marina Ermer ausgezogen. Als man ihn als Zeugen befragte, gab er auch zu, daß es seine Papiertaschentücher seien, da ein Gentest durchgeführt wurde. Er gab an, er hätte oben auf dem Dachboden häufig onaniert, da er zu diesem Zeitpunkt Stress mit seiner damaligen Lebensgefährtin hatte. Er gab auch an, er hätte von der Leiche nichts bemerkt. Doch J. wird vom Gericht freigesprochen, weil seine DNA nicht an der Leiche des Kindes nachgewiesen werden konnte.

Quelle

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