#1 RE: Ältere Beiträge der RZ von Christine 25.07.2014 14:08

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Waltraud (68) und Heinrich (75) Schemmer genossen den Lebensabend. Sie hatten gerade erst einen Frankreich-Urlaub hinter sich und die Rucksäcke gepackt, um am nächsten Tag früh aufzubrechen und die Bundesgartenschau in Koblenz zu besuchen. Doch das Ehepaar überlebte die Nacht nicht. Vom 7. auf den 8. Juli 2012 wurden sie erstochen. Rund 1000 Menschen wurden vernommen - und die Polizei fand niemanden, der dem Paar wirklich böse gewollt hätte. Bei der Trauerfeier platzte die Kirche aus allen Nähten. Bestattet sind sie im Ruheforst in Braubach. Im Prozess gab es widersprüchliche Angaben, wie gut das Verhältnis zum Sohn und dessen Familie war.


Kein Fall in der Region hatte auch wegen seines Aufwands und den Methoden bei den Ermittlungen so viel Aufsehen erregt. Noch nicht so ungewöhnlich ist, dass eine Großzahl Polizisten am Haus und in der Umgebung nach Hinweisen gesucht hatten (mehr Eindrücke). Sogenannte Mantrailer-Hunde, die Monate nach der Tat riechen sollen, wohin eine Person von dem Haus in Horchheim mit dem Auto (!) gefahren ist, für die dann viel befahrene Straßen abgesperrt werden: Das hatte Aufsehen erregt - und wurde im Gericht nicht als Beweis zugelassen. Dafür wurden Abhörprotokolle gehört, das Telefon der Familie war angezapft und das Auto verwanzt worden. Nicht zu hören waren die Aufzeichnungen eines Gesprächs in einem Eissalon. Die Nachbarin und frühere Freundin der Angeklagten hatte sich vor einem Treffen auch von der Polizei verwanzen lassen. Im Raum stand auch, die Angeklagte zu hypnotisieren, um ihrer Erinnerung zu einem Schlüssel der Schwiegermutter auf die Sprünge zu helfen. Das hatte sie aber abgelehnt.

Heute muss "Paulaner" noch einmal aussagen - eine Nachbarin und frühere Freundin der Angeklagten. Am 23. Prozesstag hatte Verteidiger Johann Schwenn mit seinem Schlussplädoyer publik gemacht, dass die Frau, die Henrike Schemmer erheblich belastet hat, im Internetforum allmystery.de den Prozess permanent kommentiiert und sich auch abfällig über die angeklagte geäußert hat. Deshalb steht sie heute noch einmal im Zeugenstand. "Wenn der Zeuge im Netz den Prozess kommentiert, macht er sich und seine Aussage angreifbar", erläuterte unserer Zeitung der Düsseldorfer Strafverteidiger Udo Vetter, der das viel beachteten "law blog" betreibt.

Die Zeugin und Nachbarin wird vom Gericht gefragt, warum sie sich denn im Forum über den Fall ausgetauscht hat. "Ich musste das irgendwie verarbeiten. Mit meinem Mann und meinem Umfeld durfte ich ja darüber nicht reden, Zeugin in so einem Prozess zu sein ist belastend und bekommt kaum Hilfe." Gericht und Anwalt Schwenn fragen sie nach Klarnamen anderer Forenteilnehmer, sie nennt nur den einer Dame aus Meppen. Von anderen, die dort diskutieren, wisse sie die Namen wirklich nicht.

Rechtsanwalt Schwenn hat in seinem Plädoyer herausgestellt, die Nachbarin und frühere Freundin führe ein ereignisarmes Leben und habe sich wichtig machen wollen. Auch er hat - wenig überraschend - seine Forderung wiederholt: Freispruch, die Angeklagte ist zu entschädigen. Die Verhandlung ist jetzt bis 14 Uhr unterbrochen,von lars wienand 5. August 2013 10:01
Henrike Schemmers letzte Worte: "Ich kann mich nur wiederholen. Ich habe die Tat nicht begangen."

von lars wienand 5. August 2013 10:02
Ihre Nachbarin hatte zuvor in ihrer Aussage auch nocheinmal Vorwürfe gegen den Mann der Angeklagten erhoben. Sie fühle sich bedroht. Er sei einmal bis auf kurzen Abstand an sie herangefahren, habe dann voll gebremst. "Als wollte er mich überfahren." Einmal habe der Mann gesagt, sie solle bloß aufpassen. Sie habe auch Strafanzeige erstattet. Die Zeugin hat auch eingeräumt, trotz eines Hinweises der für Zeugenschutz zuständigen weiter im Forum geschrieben zu haben.von lars wienand 5. August 2013 10:05
Auf dem Gang stehen jetzt die Zuhörer und diskutieren angeregt in kleinen Gruppen. Es gab Platzkarten. Wer heute Morgen dabei war, darf nachher wieder rein.

von lars wienand 5. August 2013 10:07
Rund vier Stunden MIttagspause. Wo isst Henrike Schemmer, wenn sie denn vor Anspannung einen Bissen herunterbekommt? Das JVA darf die Auskunft nicht geben, in der Pressestelle des Landgerichts lag die Information nicht vor. "Üblicherweise bekommen Häftling von der JVA eine Tagesration mit", heißt es aber von dort.



"Wir haben für uns die Überzeugung von der Schuld der Angeklagten getroffen", sagt Bock Er ging lange auf drei Zeugen ein, die sich sicher waren, die ermordete Rentnerin am 8. Juli 2011 lebend gesehen zu haben. Dann wäre Henrike Schemmer als Täterin ausgeschieden. "Sie sind sich subjektiv sicher, aber liegen objektiv falsch." Durch die Indizienkette sei bewiesen, dass die Eheleute in der Nacht getötet wurden.


Gewichtig fand das Gericht, dass sich die Angeklagte frühzeitig große Sorgen um ein fehlendes Alibi gemacht und versucht hatte, sich eines zu besorgen. "Eine völlig unbegründete Sorge, wenn sie unschuldig ist."

Das Gericht müsse nach den vorliegenden Erkenntnissen davon ausgehen, dass die Angeklagte in der Nacht nicht zu Hause war. "Wo war sie?" Die Geschichte der Angeklagten, sie habe Suizidabsichten gehabt, die Pläne aber abgebrochen, sei unglaubwürdig. Der Umstand, dass sie nicht zu Hause war, sei nicht nur durch ihre erste Vernehmung bei der Polizei - die die Verteidigung angegriffen hatte - belegt, sie habe das auch dem Gutachter gesagt.


Das Urteil wäre auf dem Indizienstand bei Anklageerhebung noch schwerer zu treffen gewesen, sagt Bock. Aber danach habe sich der Motorradfahrer gemeldet, der den BMW an dem Abend gesehen haben will. Der Motorradfahrer ist fürs Gericht ein zentraler Zeuge gewesen - und das Gericht begründet ausführlich, warum es ihn für glaubwürdig hält.

"Die Angeklagte hatte nicht nur ein Motiv, sie hatte auch Gelegenheit. Sie war in Koblenz", sagt Bock. Die Frau habe auch vorher entsprechen Pläne gehabt. Warum sonst habe sie andere Menschen fragen sollen, für sie für den Tatzeitraum ein Auto zu mieten, ohne dass ihr Name auftauche? Als "schwaches Indiz" wertete das Gericht, dass die Angeklagte einen Mann aus der Türsteherszene nach einem Auftragskiller gefragt habe. "Das passt zu ihrer flapsigen Art." Henrike Schemmer wirkt inzwischen getroffen durch das Urteil, schüttelt immer wieder leicht den Kopf, fährt sich über die Augen.



http://www.rhein-zeitung.de/region/lokal...ml#.U9JFnERNMTo

#2 RE: Ältere Beiträge der RZ von Christine 25.07.2014 14:09

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17.07.2013, 10:37 Uhr
Koblenzer Bluttat: So tratschte die Nachbarin im Netz
Koblenz – Sie machte das Internetforum Allmystery zu ihrem Stammtisch - und veröffentlichte rund 500 Diskussionsbeiträge zum Koblenzer Doppelmordprozess.


Unter Mordverdacht: Henrike Schemmer
Foto: dpa - dpa
Sie behauptete, die Angeklagte Henrike Schemmer (47) war in der Tatnacht nicht zu Hause, sie mutmaßte über deren mögliche Tatmotive und bezeichnete das Herzstück von deren Aussage als Schmarrn. Sie vertrat damit eine Meinung, die auch andere vertreten. Nur: Die 46-Jährige ist nicht irgendjemand. Sie ist die Nachbarin von Henrike Schemmer und einer der wichtigsten Zeugen im Prozess. Durch ihre Internetaktivitäten verlässt sie ihre Position als neutrale Zeugin und stellt ihre Glaubwürdigkeit infrage.

Landgericht Koblenz, 23. Prozesstag. Johann Schwenn, Henrike Schemmers Staranwalt, ist kurz vor dem Ende seines Plädoyers. Er blickt von seinem Skript auf und fixiert die Nachbarin, die sich einen Platz in der ersten Reihe des Saals gesichert hat. Dann macht er öffentlich, was sie halbherzig geheim hielt. Dass sie bei Allmystery den Prozess kommentiert, dass sie sich Paulaner nennt und sogar als Diskussionsleiter auftritt. Schließlich zitiert er einen ihrer Beiträge vom 28. Juni: "Möchte auch anwesend sein, wenn man die ,Nachbarin‘ zerfleischt... "

Schwenn geht offenbar davon aus, dass die 46-Jährige mit "Nachbarin" die Angeklagte meinte. Doch wer den Beitrag bei Allmystery in seinen Gesprächsverlauf einordnet, muss zu dem Schluss kommen: Die Nachbarin meinte sich selbst. Sie wollte dabei sein, wenn Schwenn sie in seinem Schlussvortrag niedermacht.

Manche Prozessbeobachter vermuten, der Anwalt wusste seit Langem vom Treiben Paulaners und verzögerte den Prozess hier und da, damit sie Zeit für möglichst viele verfängliche Kommentare hatte. Nach seinem Plädoyer übergab er dem Gericht einen Stapel mit Ausdrucken ihrer Forumsbeiträge. Und: Die Richter haben inzwischen reagiert.

Eigentlich wollten sie bereits am 5. Juli ihr Urteil verkünden, jetzt aber vernehmen sie die Nachbarin am 5. August erneut als Zeugin - wohl um sie zu ihren Internetaktivitäten zu befragen. Die 46-Jährige bestätigte nach dem Plädoyer auf dem Gerichtsflur, dass sie sich bei Allmystery Paulaner nennt. Sie schrieb dort kurz später: "Hm, jetzt wissen selbst die letzten wer ich bin. Ich wurde als Forumbetreiberin öffentlich genannt "

Laut Anklage ermordete Henrike Schemmer ihre Schwiegereltern Waltraud (68) und Heinrich (75) Schemmer, um an deren Millionenerbe zu gelangen. Sie fuhr demnach in der Nacht zum 8. Juli 2011 mit ihrem BMW von ihrem Wohnort Haren (Niedersachsen) 350 Kilometer nach Koblenz, drang mit einem Schlüssel ins Haus der Eheleute ein und erstach sie. Die Nachbarin sagte im Prozess, dass die Angeklagte ihre Schwiegermutter nicht ausstehen konnte. Dass ihr BMW am Tatabend weg war. Und dass die Angeklagte sie bat, ihr für die Tatnacht ein falsches Alibi zu geben.

Staatsanwältin Andrea Maier forderte lebenslange Haft für die Angeklagte. Sie hält die Nachbarin für eine wichtige Zeugin, deren Aussage absolut glaubhaft ist. Ganz anders Verteidiger Schwenn. Er stellte die Nachbarin wegen ihrer Forumsbeiträge als unglaubwürdig dar. Sie ist einer seiner Lieblingsfeinde im Prozess. In seinem Plädoyer lästerte er über ihr pinkes Halstuch. Bei ihrer Zeugenaussage ließ er ihren Reisekoffer vom Gericht durchsuchen - auf Unterlagen, die sie zur Vorbereitung genutzt haben könnte.

Die Nachbarin und Henrike Schemmer waren früher gut befreundet. Sie lebten in Haren Tür an Tür, trafen sich zum Kaffee, besuchten Trödelmärkte und Schützenfeste. Doch am 21. Mai 2012 kam es zum Bruch. Die Nachbarin ließ sich von der Polizei verwanzen, traf sich mit Henrike Schemmer in einer Eisdiele - und sprach mit ihr über die Tatnacht.

Das Gericht ließ im Prozess gut 70 Gespräche abspielen, die von der Polizei heimlich aufgezeichnet wurden - nur den Plausch in der Eisdiele nicht. Warum? Darüber schweigt das Gericht.

Einen Tag nach dem Eisdielentreffen wurde die Angeklagte festgenommen. Gut einen Monat später schrieb die Nachbarin ihren ersten Beitrag bei Allmystery - einem der größten deutschen Internetforen. Dort debattierten Dutzende Menschen über die Koblenzer Bluttat. Sie nannten sich Willy, Wurstscheibe oder Armleuchter, verfassten gut 25 000 Beiträge. Die Nachbarin alias Paulaner gab bei ihren Beiträgen oft keinen konkreten Empfänger an. Als stünde für sie nicht das Kommunizieren im Vordergrund, sondern das Mitteilen. Ihre Beiträge und alle anderen sind für jeden einsehbar. Die Diskussionen wurden aber beendet.

Henrike Schemmer beteuerte bei der Polizei ihre Unschuld. Sie habe in der Tatnacht Suizid verüben wollen, sei mit ihrem BMW umhergefahren, dann nach Hause zurückgekehrt. Doch ihre Nachbarin schreibt: "Sie wollte sich NIEMALS umbringen!!! So ein Schmarrn!!!"

Die Angeklagte gab sich bei der Polizei genügsam, sie sei "kein geldgeiles Luder", ihr Mann, ihre drei Töchter und sie hätten doch alles. Aber die Nachbarin behauptet im Internet, die Angeklagte heiratete ihren Mann wegen dessen vermögenden Eltern und befürchtete vor der Tat, dass diese ihn enterben: "Meiner Meinung nach, hat sie das ganze Leben danach ausgerichtet ,Reich‘ zu werden. Und so kurz davor sollte alles um sonst gewesen sein, Enterbung. Da ist sie einfach nur durchgedreht. (…) Das sind für mich ganz klare Tatmotive."

Im Dezember 2012, kurz nach dem zweiten Prozesstag, lässt die Nachbarin wissen, dass sie mit einem Geständnis der Angeklagten rechnet und wie dieses aussehen könnte: "Das Ende sehe ich in etwa so: ‚Ich habe das alles nur für Euch getan, damit es Euch besser geht und wir einen gesellschaftlichen Status haben auf den die Mädels stolz sein können. (…) Ich bin nicht schuldig sondern einfach nur nachhaltig gerecht und selbstlos.‘"

Manchmal bemüht die Nachbarin auch die Unschuldsvermutung für die Angeklagte. "Wer hat den hier behauptet sie sei schuldig, NIEMAND", schreibt sie im Januar und ergänzt: "hier ist nur festgestellt worden das sie bei ihrer Vernehmung nicht die Wahrheit gesagt hat..." Doch an anderer Stelle klingen ihre Beiträge wie Spott. Etwa wenn sie das Buch "Mein letzter Tampon" empfiehlt, um die Aussagen der Angeklagten einordnen zu können - schließlich sei diese ja in den Wechseljahren. Oder wenn sie im Mai, ein Jahr nach der Festnahme der Angeklagten, erst übers Wetter plaudert, dann in die Runde fragt: "Habt ihr heute schon ein Kerzchen angemacht?"

Die Nachbarin saß auch im Gerichtssaal, als die Staatsanwältin ihr Plädoyer vortrug. Und sie berichtete später sehr ausführlich darüber im Netz: "Da es keine Einwirkung auf das Verfahren mehr hat, kann ich das jetzt mit ruhigem Gewissen posten." Am 5. August wird sich zeigen, ob sie recht hatte.

Von unserem Redakteur Hartmut Wagner


http://www.rhein-zeitung.de/region/lokal...ml#.U9JI3kRNMTo

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