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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Montag, 11. April 2016, 19:47:24 
 
Die letzte Spur des Mädchens Sarah Oberson verliert sich am helllichten Tag. Eine weltweite Suchaktion beginnt, an der sich selbst die Swissair beteiligt. Das Rätsel aber bleibt ungelöst.
Von Jost Auf der Maur

Kriminalfälle, die die Schweiz bewegten (IV): Saxon 1985 - das verschwundene Kind

Vom Erdboden verschluckt

12.2.2006

Die Hebamme notiert den Moment der Geburt genau und fein säuberlich: Es ist 27 Minuten nach Mitternacht, als die 24-jährige Dominique Oberson aus Saxon im Kanton Wallis am 13. September 1979 in der Gebärabteilung des Spitals von Sitten ein Kind auf diese Welt bringt. Ein kräftiges Baby, ein gesundes Mädchen ist es. Und es soll Sarah heissen. Mit ihr sind sie nun zu viert, Dominique Oberson und ihr Mann Claudy, Schwester Stéphanie und die Kleine, Sarah. Das heitere, drollige Kind mit den klugen kastanienbraunen Augen bringt ein schönes Licht in seine Familie. Sechs Jahre und fünfzehn Tage wird es da sein.

An jenem fünfzehnten Tag nach ihrem sechsten Geburtstag aber besteigt Sarah dann das kleine Velo, auf dem sie doch so gut schon fahren kann. Es ist ein gemütlicher Samstag, es ist der 28. September 1985. Angenehm scheint die Sonne über Saxon, dem Aprikosen- Dorf, das sich an verwegenen Tagen rühmt, mit einem provenzalischen Klima gesegnet zu sein. In den Rebbergen haben die Trauben vor der Zeit vom Grün ins Rot umgeschlagen. Und die Welt ist gut, und sie ist schlecht: Kurt Furgler ist Bundespräsident, Simone Signoret stirbt, Gorbatschew führt neuerdings die KPdSU, der Kalte Krieg liegt in den letzten Zügen.

Von dort, wo die Familie Oberson wohnt, sind es keine hundert Schritte zum Schulhaus. Bald wird Sarah da in der ersten Klasse sitzen. Sarah strampelt auf ihrem Velo, in der eckigen Fahrweise kleiner Kinder, zum Pausenplatz vor dem Schulhaus. Es ist niemand da zum Spielen. Zwei Schüler sehen der Kleinen zu, erzählen sich wohl Bubengeschichten. Die gerade Reihe der Ahornplatanen legt einen geraden Schattenstreifen auf den Asphalt. Hier kann Sarah gefahrlos radeln, um die Treppenstufen vor dem Portal kurven, Slalom fahren zwischen den Bäumen. Aber wollte sie nicht weiter, Grossmama besuchen, gleich nebenan? Grossmütter sind geduldig. Schwalben sirren handbreit unter den Dachhimmeln vorbei. Wer sich heute hier umsieht, denkt, die Geschichte mit der kleinen Sarah könnte gestern geschehen sein. Die Dorfkirche schlägt halb sechs. Sarah spielt. Sarah ist ein süsses Kind. Alles hat seine Ordnung. In den Gärten werden die letzten Tomaten geerntet, glänzend rot, reif und sonnenwarm. Die beiden Buben sind gegangen. Gelegentlich wütet ein Motorrad über die Route du Simplon.

Der Tag wird langsamer, nimmt seine letzten Wendungen, das Dorf reckt sich dem Samstagabend entgegen. Wer unter der Woche auswärts arbeiten musste, in der Waadt etwa, ist spätestens jetzt nach Hause, nach Saxon, zurückgekehrt. Die Turmuhr schlägt sechsmal. Und der Schulhof - der ist nun ganz verwaist. In den Restaurants im Dorf wird der Apéritif getrunken, «un ballon, s'il te plaît!». Die Stunde des Fendants. Alles ist gut. Nur an der Treppe vom Schulhof zur Turnhalle, da liegt ein kleines Kindervelo. Es sind sechs Jahre und fünfzehn Tage vergangen seit jener Nacht, in der Sarah geboren wurde.

Schlimme Erinnerungen

Gibt es unter der Oberfläche dieser wohlgeordneten Dörflichkeit eine Kraft, die - lange Zeit mühsam im Zaum gehalten - das Böse will und webt und lauert und sich mit einem Mal mit allem Schrecken doch entfaltet, sich die Frucht stiehlt, das Kind nimmt und verzehrt? In der Schweiz ist in der ersten Hälfte der achtziger Jahre alle vier Monate ein Kind für immer verloren gegangen. Elf sind, zum Teil nach monatelanger Suche, tot aufgefunden worden. Die andern sind spurlos verschwunden. Schlimme Erinnerungen an: Annika Huter, verschwunden am 11. Juli 1981 bei Winterthur. Karen Schmutz, verschwunden am 14. August 1982 in Wollishofen. Peter Perjesy aus Ulisbach/Wattwil, verschwunden am 22. September 1982. Peter Roth aus Mogelsberg, siebenjährig erst, verschwunden am 12. Mai 1984. Sylvie Bovet, verschwunden am 23. Mai 1985 in Bevaix (NE). Edith Trittenbass aus Gass/Wetzikon (TG), verschwunden am 3. Mai 1986. Cédric Antille aus Niouc (VS), verschwunden am 7. Mai 1986.

Es ist halb sieben Uhr in Saxon, als die Eltern Oberson aufmerksam werden auf das Ausbleiben von Sarah.

Auf dem Schulhof ist sie nicht, nicht im Schatten der Bäume. Die Sonne kippt hinter den Tour Sallière. Bei der Grossmutter ist sie auch nicht.

«Sarah!» Oder ist sie doch schon daheim, wieder in ihrem Spielzimmer? Im Keller bei der Grossmutter?

«Sarah!» Das Rufen wird lauter. Ein Ärger steigt auf. Wo steckt das Kind? «Habt ihr Sarah gesehen?» Man kann doch nicht einfach so, ja, vom Erdboden verschwinden. «Sarah?»

Mit der Dunkelheit der Nacht beginnt Angst durchs Dorf zu kriechen. Wer hat Sarah zuletzt gesehen? Die beiden Buben. Und dann? Niemand weiss mehr. Um 21 Uhr 20 meldet sich Sarahs Vater, Claudy Oberson, auf der Zentrale der Kantonspolizei. Die ersten Beamten treffen in Saxon ein. In allen Ställen, in den Schobern nachsehen. In den Kellern. Als die Turmuhr ein Viertel nach zehn schlägt, fährt ein Inspektor vor. 3400 Menschen leben in Saxon. Jetzt wissen alle, dass ein Kind fehlt. Die Suche dauert bis um drei Uhr in der Früh. Um sechs Uhr raffen sich die Menschen wieder auf. «Sarah!»

Am Sonntag, 29. September 1985, meldet die Nachrichtenagentur AP: «Die Walliser Kantonspolizei und rund hundert Freiwillige suchen seit Samstagabend nach der sechsjährigen Sarah Oberson, die an ihrem Wohnort Saxon spurlos verschwunden ist. Die Polizei schliesst nicht aus, dass das Mädchen entführt wurde. Sarah spielte auf dem Schulhausplatz. Kurze Zeit war das Mädchen unbeaufsichtigt; da muss es sein Fahrrad zurückgelassen und auf die Strasse hinausgegangen oder -geführt worden sein. Die Strasse führt vom Schulhaus zum Dorf und in die Rhoneebene.»

Sarah wird zum Phantom
Das Verschwinden von Sarah löst eine Suchaktion aus, wie sie in der Schweiz zuvor und auch danach nie mehr stattgefunden hat. Denn neben den Behörden engagieren sich Hunderte von Menschen, die sich mit den Eltern verbunden fühlen. Helikopter der Armee fliegen das Gelände ab, einhundert Quadratkilometer Land werden abgesucht, Soldaten durchkämmen das Gebiet Meter um Meter. Eintausend Gebäude werden durchsucht. Abwasserkanäle, Güllenlöcher. Taucher steigen hinab in Teiche und Bäche. Die Gemeinde Saxon setzt 20 000 Franken Belohnung aus. Die Fondation Sarah Oberson wird gegründet. Ein Krisenstab ist im Einsatz. Jemand aus Genf spendet anonym 160 000 Franken. Hunderttausend Plakate werden gedruckt: «Bitte helfen Sie uns!» Die Belohnung wird auf 50 000 Franken erhöht. An allen Bahnhöfen, Zollstationen und Postschaltern wird das Plakat ausgehängt. Im benachbarten Italien und Frankreich, aber auch in Österreich und Deutschland schaut das kleine Mädchen von der Vermisstenanzeige: «Grösse: 115 cm. Haare: hellbraun. Augen: kastanienbraun.» Blaue Bluse, blauer Trägerrock, hellblaue Socken, blaue Schuhe. «Où est la petite fille en bleu?»

Die Swissair nimmt Plakate mit auf die Flugzeuge und verteilt sie an ihren Destinationen. Jeden Tag berichten Radio und Zeitungen. In den Walliser Kirchen wird für Sarah gebetet. Pendler, Wahrsagerinnen, Wünschelrutengänger nehmen Witterung auf. Hunde suchen Fährten. Fernsehsender in den Nachbarländern berichten über Sarah. «XY ungelöst».

Dann die Meldung aus Wien: Sarah ist gesehen worden, am Südbahnhof, in Begleitung eines Paares in einem Mercedes mit Schweizer Kennzeichen. Später wird Sarah von Zeugen in einer Tiroler Pizzeria entdeckt, und auch in Lyon sind sich Menschen fast ganz sicher, Sarah gesehen zu haben. In Frankfurt ebenso. Und zwei Erpresser behaupten, Sarah sei in ihrer Gewalt - sie haben sich telefonisch beim «Blick» gemeldet. Ein Privatdetektiv macht die Polizei auf das deviante Sexualverhalten eines 40-jährigen Gemeindearbeiters von Saxon aufmerksam. Schliesslich werden sogar mit Unterstützung von FBI-Beamten Täterprofile angefertigt.

Alle diese Hinweise verlaufen im Nichts. Die Ungewissheit hält an, erst wochen-, dann monate-, dann jahrelang. Ist Sarah Opfer eines Sexualtäters geworden? Oder ist sie von einem Paar entführt worden, das sich ein Kind gewünscht hatte? Lebt sie? Sarah wäre heute 26 Jahre alt.

Die Kantonspolizei Wallis will auch 21 Jahre nach Sarahs Verschwinden das Dossier nicht schliessen. Man hoffe immer noch, den Eltern eine Antwort geben zu können. Die Hoffnung aber ist sehr klein geworden. Sarahs Name und ihre Geschichte dagegen scheinen auch in Zukunft auf, und zwar in der Fondation Sarah Oberson, die jährlich Symposien über Kinder und deren Sorgen durchführt.

Sarahs Mutter, Dominique Oberson, hat zwei Jahre nach Sarahs spurlosem Verschwinden noch einmal eine Tochter geboren. Dominique und ihr Mann Claudy haben ihr den Namen Justine gegeben, die Gerechte. Das Leben setzt sich durch und bleibt am Ende die einzige echte Hoffnung.

Der Vater sagt: «Sarah vit en pensée avec nous.»

Sarah lebt in Gedanken mit uns.

http://www.nzz.ch/articleDJNB5-1.10805


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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Montag, 11. April 2016, 19:48:33 
 
Missing Since 1985 - Sarah Oberson


https://www.youtube.com/watch?v=lxyvLBJDlg4


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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Montag, 11. April 2016, 19:49:44 
 
Der Fall Sarah Oberson
28.09.1985 17.30 Uhr
Sarah verlässt ihr Elternhaus, um ihre Großmutter zu besuchen, wo sie jedoch niemals angekommen ist.

28.09.1985 18:30 Uhr
Das Kind ist verschwunden. Die Eltern nehmen, unterstützt von rund einem Dutzend Personen, die ersten Nachforschungen auf. Das Fahrrad wird am Fuße der Treppe zur Turnhalle gefunden. Gegen 19:00 Uhr haben zwei Jungen Sarah im Schulhof gesehen, der etwa 50 m vom Elternhaus entfernt liegt.

28.09.1985 21:20 Uhr
Herr Claude Oberson, Vater von Sarah, informiert die Einsatzzentrale der Kantonspolizei. Ein Gendarm begibt sich in Begleitung des Dorfpolizisten von Saxon vor Ort. Es erfolgt eine Vermisstenmeldung auf nationaler Ebene, an die Grenzen usw.

28.09.1985 22:15 Uhr
Ein Inspektor der Sicherheitspolizei kommt hinzu.

29.09.1985 03:00 Uhr
Nachforschungen werden ausgesetzt.

29.09.1985 06:00 Uhr
Die Nachforschungen werden unter Beteiligung der Einsatzkräfte der Kantonspolizei wieder aufgenommen. Es wird ein bedeutendes Kontingent an Männern und Mitteln eingesetzt.



In den Räumen des Zivilschutzes ist der Führungsstab der Suchaktionen unter Leitung von Jacques Michelet und Herrn Charly Kohli, Gemeinderichter, einsatzbereit.

Das Dorf wird von einem Fahrzeug mit Lautsprechern durchfahren, mit dem die Suchmeldung verbreitet wird. Darauf folgt eine großartige Solidarität.

Im Hause Oberson ist ständig ein Polizeibeamter anwesend, der die Telefonanrufe entgegennimmt. Es wird ein Suchplan aufgestellt. Aus drei oder vier Personen bestehende Gruppen durchsuchen systematisch den ihnen zugewiesenen Bereich (Häuser, Zisternen, Abwässerkanäle usw.). Nach Abschluss ihrer Arbeit informieren sie den Einsatzstab über das Ergebnis.

Für den rechtlichen Teil wird ein Führungsstab unter Leitung des Kommissars Walter Meichtry in den Räumen der Kantonspolizei in Saxon eingerichtet. Es werden Arbeitsgruppen gebildet, welche Informationen seitens des Untersuchungsausschusses kontrollieren und überprüfen.

30.09.1985
Die lokalen Behörden fordern eine Unterstützung des Militärs für die Suchaktionen an.

SIJ-Inspektoren begleiten die Müllabfuhr bei ihrer Arbeit und prüfen den Inhalt der Abfalltonnen.

01.10.1985
Für die Suchaktionen werden 60 Soldaten zur Verfügung gestellt.

Die folgenden Tage
Bis Freitag, den 4.10., erfolgen intensive Suchaktionen. Ein großes Gebiet zwischen Riddes und Martinach wird minutiös durchkämmt, ebenso die Häuser des Dorfes. Nach rund 10 Tagen werden die Suchmannschaften nach und nach verkleinert.

Auf gerichtlicher Ebene folgen zahlreiche Überprüfungen.

Viele Personen werden verhört. Einige dieser Personen waren während der Kontrollen festgehalten worden.





Die Polizei hat unzählige Informationen, die telefonisch, postalisch usw. eingingen, kontrolliert und überprüft. Die Personalien verschiedener Personen wurden in der Schweiz, aber auch im Ausland aufgenommen. Selbst die Angaben von Wünschelrutengängern wurden überprüft. Dabei ist zu beachten, dass dieser Bereich umfangreich ist und einen bestimmten Aufwand erfordert.

Die Familienmitglieder wurden ebenso überprüft wie die Teilnehmer am Wettlauf Saxon-Sapinhaut, Häftlinge auf Hafturlaub, Sexualstraftäter und weitere Personen, die seinerzeit in Saxon wohnhaft waren.


Seit 1985 erhalten wir praktisch jedes Jahr Informationen, die von uns geprüft werden.


Das Verschwinden von Sarah wird niemals zu den Akten gelegt werden...
... ebenso wenig wie die Fälle aller anderen verschwundenen und niemals wieder gefundenen Kinder.

http://www.sarahoberson.org/der-fall-sa ... ,6,pa.html

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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Montag, 11. April 2016, 22:02:56 
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Presseschau der letzten 20 Jahre

Die lange Suche nach der unauffindbaren Wahrheit

20 Jahre Untersuchungen, Überprüfungen, Nachforschungen. Ein unermüdliches Warten, zwischen trügerischen Indizien und enttäuschten Hoffnungen. Trotzdem ist die Wahrheit irgendwo verborgen. Für Eltern, Freunde und Polizeibeamte ist nur eine Sache klar: man darf auf keinen Fall aufgeben.

28. September 1985, gegen 17.30 Uhr auf dem Schulhof von Saxon. Der entscheidende Zeitpunkt und Ort. Das letzte Mal, dass man Sarah, 5 Jahre alt, gesehen hat. Sie hatte das Elternhaus mit ihrem kleinen Fahrrad verlassen, um zu ihrer Großmutter zu fahren. Einen Weg, den sie perfekt kannte. Zwei Schüler haben sie noch auf diesem Schulhof gesehen, wo man später das Fahrrad finden sollte, am Fuße der Treppe zur Turnhalle.

Und danach nichts mehr. Zwanzig Jahre später herrscht immer noch eine schwere Ungewissheit. Genau dort, zwischen 17.30 und 18.30 Uhr liegt der Schlüssel zum Geheimnis. Was ist in diesen Minuten geschehen, in denen Sarah verschwunden ist?

Diese brennende Frage ist auch das größte Fragezeichen dieses Falles. Fahnder, Richter, Polizeibeamte, Suchende aller Disziplinen kommen immer wieder darauf zurück. Leider ohne Ergebnis, aber mit der Überzeugung, die mit jeder neuen Analyse stärker wird, dass man das Puzzle mithilfe dieses entscheidenden Stückes fertig stellen kann.

Saxon wird durchkämmt

Mit dem um 18.30 Uhr ausgelösten Alarm setzt sich eine Maschinerie in Bewegung, die nicht mehr stoppen wird. Vermisstenmeldung, erste Nachforschungen am Abend und in der Nacht. Man muss den Tatsachen ins Auge sehen. Sarah ist einfach verschwunden. Mit dem Morgengrauen werden beeindruckende Maßnahmen eingeleitet. Sie werden von Gendarm Jacky Michelet, der Leiter der Rettungskräfte der Kantonspolizei ist, sowie von Charly Kohli, Gemeinderichter von Saxon, koordiniert. Fahrzeuge mit Lautsprechern, Durchsage im Radio, Telefonketten ins Elternhaus, die einzelnen Elemente der Nachforschungen werden umgesetzt, damit nicht das mindeste Indiz verloren geht.

Sehr schnell bittet die Einsatzzentrale Freiwillige und das Heer um Hilfe. Das Militär entsendet zwei Wochen lang Soldaten, um die 150 Freiwilligen zu unterstützen, die das gesamte Gebiet von Saxon, von der Rhône bis Pierre-à-Voir Meter für Meter durchkämmen. Kein Gebüsch, kein Weg, kein Hof wird ausgelassen. „Wir haben alle Häuser von Saxon durchsuchen lassen, und dies zweimal, mit verschiedenen Personen, alle Schränke geöffnet, alle Müllsäcke geleert, die gesamte Kanalisation durchsucht. Man kann sagen, dass die gesamte Gemeinde sowie die Gegend von Riddes bis Martinach mit einem feinen Kamm durchsucht wurde." Charly Kohli erinnert sich an diese schlimmen Tage. „Wir hatten sogar Späher auf den Hängen postiert, um verdächtige Fahrzeuge zu erfassen, die in der Ebene angehalten haben." Gleichzeitig mit dieser großen Suchaktion führt die Polizei eine straffe Überprüfung aller möglichen Spuren durch, einschließlich Kontrolle der „Risiko"-Personen und verdächtiger Fahrzeugbewegungen.

Eine enorme Solidarität

Während sich das gesamte Wallis wie ein einziger Mann auf die Suche nach der kleinen Sarah macht, kommt es zu einer riesigen Solidarität mit den beiden Eltern Claudy und Dominique Oberson. Sie bieten die Stirn, verstecken ihre Angst hinter einem entschlossenen Mut und richten über das Radio Appelle an die Entführer. Dass sie Sarah zurück wollen oder dass man ihnen sage, was aus ihr geworden ist!

Auf Initiative des Vorsitzenden des Grossen Rats, Maurice Copt, des Staatsrates Bernard Comby, von Gemeindevertretern, der Polizei, der Medien tritt ein Komitee zusammen, das aus verschiedenen Persönlichkeiten unterschiedlicher Bereiche zusammengesetzt ist. Dieses Komitee wird die Leitung der Untersuchungen übernehmen und weitet sie auf die gesamte Schweiz und auf das Ausland aus.

Das Entsetzen über dieses Verschwinden hat das ganze Land gepackt. Mehr als 150.000 Flugblätter mit dem Porträt von Sarah werden an den Eingängen von Einkaufszentren, auf Bahnhöfen, an Flughäfen, von den Zöllnern, den schweizerischen und internationalen Fernfahrern, von Schülern und allen Initiativen im Kinderbereich verteilt. Dank Swissair werden die Flugblätter von Sarah weltweit verschickt, während alle Medien die Nachricht weitergeben. Sendungen wie „Aktenzeichen XY" in Deutschland oder „Perdu de vue" in Frankreich werden sich ebenfalls an den Nachforschungen beteiligen. Zur gleichen Zeit gehen auf das Solidaritätskonto für Sarah Oberson Tausende privater Spenden in Höhe von mehr als 250.000 sFr. ein. Diese Summe umfasst auch die Spende einer Genfer Firma - die anonym bleiben möchte - über 150.000 Franken zu deren hundertjährigem Bestehen.

Die Spur nach Österreich...

Die Mobilisierung der Medien führt schnell dazu, dass ganz Europa bewegt wird. Die Anrufe, spontane Aussagen, die unvermeidbaren zweifelhaften Nachrichten und mehr oder weniger zu prüfende Hypothesen prasseln auf das Haus der Obersons und die Leitzentrale ein, die von Charly Kohli und seinen Helfern gehalten wird. Einen Anteil an dieser Vielzahl von Indizien hat sicherlich die Belohnung von 50.000 Fr. (die immer noch gültig ist), die auf entscheidende Hinweise ausgesetzt wird, aber die öffentliche Meinung wird vor allem vom Mitgefühl bestimmt. Durch dieses Gefühl werden die Menschen so aufmerksam, dass sie Sarah überall gesehen haben wollen, von Lyon über das Elsass , Deutschland und die österreichische Grenze bis nach Wien.

Tatsächlich wird sich die größte Aufmerksamkeit auf Wien richten. Während der Sendung „Aktenzeichen XY" ist eine angesehene Dame der österreichischen Hauptstadt überzeugt, Sarah wenige Tage vorher in einem großen Auto mit einem Paar vor dem Südbahnhof gesehen zu haben. Es kommen weitere Berichte und Aussagen aus dieser Stadt und verstärken somit diese „österreichische Spur". Infolgedessen entsendet das Komitee eine Delegation nach Wien, um die Presse und die Medien für dieses Thema zu sensibilisieren. Eine weitere Spur nach Lyon wird ebenfalls vor Ort überprüft. Aber immer noch ohne Ergebnis.

Ist es die allgemeine Aufregung, welche zu den spontansten Aussagen führt? Wo gibt es ein handfestes Indiz für eine Spur der kleinen Sarah? Weder das Solidaritätskomitee noch die Fahnder können sich den Luxus leisten, sich auf diese Frage zurückzuziehen! Man muss in allen Fällen überprüfen, kontrollieren, miteinander abstimmen...

...und die Spur der Pendel

Seitens der Polizei hat man alle Spuren mit einer tadellosen Hartnäckigkeit verfolgt, alle Indizien überprüft, alle Angaben möglicher Zeugen oder Helfer überprüft.

Unvermeidbarerweise und häufig mit einem offensichtlichen guten Willen, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, haken sich auch die Freunde des Übersinnlichen in den Fall ein. So kommt es Ende 1985 in Saxon zur außergewöhnlichen Versammlung mehrerer Dutzend Parapsychologen, Wünschelrutengänger und anderer Anhänger mehr oder weniger dunkler Künste. Auf Grundlage von Karten, Fotos oder Gegenständen geben diese Spezialisten zusätzliche Hinweise. Selbst in diesem Fall vernachlässigen die Fahnder bei aller Skepsis keine einzige Spur. „Jedes Mal, wenn uns ein genauer Ort genannt wurde, hat man ihn mit der Polizei überprüft. Und das dauert bis heute an", teilte uns der unermüdliche Charly Kohli mit.

Diese übernormale Mobilisierung bringt natürlich auch einige Merkwürdigkeiten mit sich. Am Ende ihrer seltsamen Versammlung hat die Mehrheit der Pendelträger sogar dafür gestimmt, dass Sarah noch lebe...

Selbst das FBI

Sehr bald jedoch werden die Fahnder durch orthodoxere Methoden wissenschaftlicher Polizeiarbeit unterstützt. Bei einem ähnlichen Fall bat die Polizei im Kanton Aargau das FBI und seine „Profiler" um Hilfe. Diese kommen ins Wallis und untersuchen Sarahs Fall, denn zur gleichen Zeit verschwinden zwei weitere Kinder in Neuchâtel/Neuenburg und im Tessin, Fälle, die ebenfalls noch nicht aufgeklärt werden konnten.

Ein computergestütztes Porträt einer „Sarah Fünf Jahre danach" wird verbreitet. Zu dieser Zeit ist das Solidaritätskomitee nicht mehr sehr aktiv, aber seine wichtigsten Protagonisten stürzen sich auf das kleinste Indiz. Um die Möglichkeiten zu vergrößern, beauftragen sie einen Privatdetektiv aus Genf, der alle Spuren persönlich überprüfen wird. Man greift sogar auf Hypnose zurück, um eventuell bestimmte Details der Zeugenaussagen näher bestimmen zu können.

In diesem Zeitraum wird das gesamte Land von mehreren pädophilen Skandalen erschüttert. Die Ermordung von Vincent Puippe und Cédric Antille bringen die Aufregung auf einen Höhepunkt. Die Verhaftung des Triebtäters von Romont und seiner ausführlichen Aussagen führen zu einer schrecklichen Vermutung: vielleicht ist ihm Sarah über den Weg gelaufen? Aber es ist nichts daran. Ähnliche Überprüfungen wurden mit anderen verhafteten Straftätern durchgeführt, die mehr oder weniger diesem Verbrechensprofil an Kindern entsprachen.

Eine Stiftung zur Unterstützung des verletzten Kindes

Noch heute, 20 Jahre später, gleicht die Polizei bei ihrer Verhaftung dieser Art das Alibi dieser Perversen ab, die in diesen Fall verwickelt sein könnten.

Ohne dieses Verschwinden jemals zu den Akten legen zu wollen, wurde das Solidaritätskomitee der Anfänge in den neunziger Jahren zur Sarah-Oberson-Stiftung umgewandelt. Für diesen Vorgang gab es mehrere Gründe. Einerseits gab es die Notwendigkeit, die Verwaltung der Spendengelder aus dem Jahre 1985 absolut transparent zu gestalten. Die Satzung der Stiftung ermöglicht das. Andererseits haben die Höhe der zur Verfügung stehenden Mittel sowie der Wille der Eltern Oberson, dass diese Großzügigkeit für andere Kinder genutzt wird, dazu beigetragen, dass sich die Bewegung an das Internationale Institut der Rechte des Kindes (IDE) gewendet hat, dessen Vorsitzender Bernard Comby ist und das vom Jugendrichter Jean Zermatten geleitet wird. Diese Übereinstimmung der Ziele hat es ermöglicht, mehrere Kolloquien zu organisieren, die zum Themenbereich „getötete Kinder" ein großes wissenschaftliches und technisches Interesse hervorgerufen haben. (Siehe auf dieser Website unter „Stiftung").

Aber diese erweiterte Tätigkeit zu den Rechten des Kindes, die so häufig in unserer Gesellschaft mit Füßen getreten werden, haben uns nicht das wichtigste Ziel der ursprünglichen Bewegung vergessen lassen : Mit allen Mitteln die Wahrheit über das Verschwinden von Sarah herauszufinden. Bestimmte Mittel sind ausdrücklich für alle Notfallaktionen vorbehalten, die aufgrund neuer Indizien notwendig werden sollten. Die Beziehung zwischen den Eltern Oberson, der Polizei und dem Untersuchungsrichter ermöglicht es jederzeit, die Untersuchung in diesem Bereich wieder aufzunehmen.

Rückkehr zum Ausgangspunkt

Wie kann eine Untersuchung wieder mit Erfolgsaussichten aufgenommen werden, die trotz der Fähigkeiten und der Hartnäckigkeit der Beamten festgefahren ist? Mehrere Untersuchungsrichter, zahlreiche Inspektoren der Sicherheitspolizei, Polizeibeamte jeder Herkunft haben an diesem Fall gearbeitet. Ohne zu einem Abschluss zu gelangen.

Kurz vor diesem traurigen 20. Jahrestag hat der Stiftungsrat versucht, den gesamten Fall neu aufzurollen, indem man ihn einem Spezialisten zum „Auditing" vorlegte. Wie das FBI, wie mehrere Berater, welche die Angelegenheit bis ins Detail untersucht haben, bestätigt dieser letzte Bericht auch nur die grundlegende Frage. Was ist an diesem Spätnachmittag des 28. September 1985 auf dem Schulhof von Saxon geschehen?

Und davon ausgehend: was hat in der Entwicklung des Falles gefehlt, damit man auf diese Frage eine Antwort findet?

Kann nur wenige Stunden nach dem Geschehen dieses mit den nächsten Zeugen nicht mehr vollständig nachvollzogen werden? Hatte man die beiden Jungen, die Sarah auf dem Hof gesehen hatten, den Hausmeister der Schule gegenübergestellt? Was ist aus dem berüchtigten Audi geworden, den man im Hof gesehen hat? Was machte der weiße Escort, der das Dorf zum Zeitpunkt des Verschwindens mit hoher Geschwindigkeit durchquerte? Oder war es ein rotes Auto? Wo befindet sich heute das Paar, dessen Frau dem Phantombild der Wiener Zeugin entsprach? Hat man das ein wenig bizarre Verhalten an diesem Nachmittag in den Eckkneipen festgehalten und überprüft ? Warum hat sich Untel wenig später das Leben genommen? Und Untel, der sich auch das Leben genommen hat ? Warum, wer, wie?

Heute den Weg nachvollziehen zu wollen erscheint zufällig: diese Details haben sich in Raum und Zeit aufgelöst, die wenigen Zeugenaussagen waren zu vage, und es ist nicht sicher, dass die Zeugen überhaupt noch leben...

„Was so schrecklich ist", sagt uns Claudy Oberson, der Vater von Sarah, „ist, dass jedes Mal, wenn man auf eine Frage zurückkommt, es 2 Antworten gibt. Man konnte keine dieser Spuren jemals völlig ausschließen. Die einer Entführung oder die eines perversen Verbrechens. Nichts. Man hat nichts gefunden, was zumindest ermöglichen würde, eine der Möglichkeiten auszuschließen, jemanden anzuklagen oder ein für alle Mal eine mögliche lokale Spur auszuschließen."

Zwanzig Jahre später - die Erinnerung...

Die Stiftung, die auf das Solidaritätskomitee Sarah Oberson nachfolgte, bleibt ihrer Haltung treu und legt die Hände nicht in den Schoß. Selbst 20 Jahre später.

Und wenn die verstrichene Zeit - statt alle Spuren zu verwischen - bestimmte Details an die Oberfläche brächte? Wenn plötzlich die eine oder andere Erinnerung, der eine oder andere Eindruck hervorkäme? Im Dorf, im so warmherzigen und so solidarischen Mikrokosmos von Saxon, in diesem brachliegenden Feld individueller und kollektiver Erinnerung, könnte es dort „jemanden geben, der es weiß"? Oder hat jemand geglaubt, etwas zu wissen und nichts gesagt aus Angst, sich zu irren? Oder es gibt jemanden, der jetzt reden kann, während er gestern noch nicht konnte?

Trotz der eingetretenen Verjährung und unter vollständiger Garantie der Vertraulichkeit, alleine im Bemühen, einer Familie den Frieden zu geben, appelliert die Stiftung an Ihr Gedächtnis. Was ist an diesem Nachmittag gegen 17.30 Uhr in diesem verlassenen Schulhof geschehen?
FD - 08.05

http://www.sarahoberson.org/presseschau ... ,7,pa.html


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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Montag, 11. April 2016, 22:07:42 
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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Dienstag, 12. April 2016, 10:15:50 
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Hintergrund
Die verlorenen Kinder
Vor 30 Jahren verschwand die 5-jährige Sarah Oberson. Bis heute fehlt von dem Mädchen jede Spur. 21 Kinder und Jugendliche wurden in den 80er-Jahren in der Schweiz entführt oder getötet. 7 Kinder sind nie gefunden worden.
NZZ am Sonntagvon Christine Brand2.10.2015, 09:00 Uhr


Es ist sonnig-warm am 28. September 1985, dem Tag, der sich in die Geschichte des Walliser Dorfes Saxon einbrennen wird. Noch kleben Reste des Sommers an den Berghängen des Rhonetals, doch die Bäume tragen bereits die Farben des Herbstes. Sarah Oberson hat bis eben mit ihrer Freundin draussen gespielt, es ist Samstagnachmittag, kurz nach fünf, als sie daheim ihr rotes Velo holt. Sie will ein paar Runden drehen, drüben auf dem Pausenplatz. Das Schulhaus steht nur 50 Meter von Sarahs Zuhause entfernt.

Als die Mutter das Mädchen gegen sieben holen will, liegt das rote Fahrrad verlassen neben der Treppe des Schulhauses. Wenige Tage später wird die ganze Schweiz das Lächeln der fünfjährigen Sarah mit der Rundschnitt-Frisur kennen. Überall, bei allen Polizeistellen, an den Kiosken, in den Coop- und Migrosfilialen werden Plakate mit ihrer Foto hängen. Schon wieder ein vermisstes Kind. Von Sarah Oberson fehlt jede Spur.

«Nichts!» Charly Kohli verwirft die Hände. Er wirkt noch immer fassungslos nach all der Zeit; fast auf den Tag genau 30 Jahre ist es jetzt her. «Wir fanden rein gar nichts! Als hätte der Erdboden das Mädchen verschluckt.» Charly Kohli sitzt auf der Terrasse des Bahnhofbuffets von Saxon, das Bar, Bistro und Spelunke in einem ist. Heute ist Kohli bekannt für den Walliser Likör Apricotine, den er produziert. Vor 30 Jahren war er der «Juge de la Commune» von Saxon, der Gemeinde- und Friedensrichter, ein Schlichter und Helfer in Problemfällen. Damals war das Dorf halb so gross wie heute, keine 3000 Einwohner, jeder kannte jeden, die Familien waren verbandelt; es existierte etwas, das man heute kaum mehr kennt und das sich Dorfgemeinschaft nennt. Idylle, ja, auch heile Welt. Man wusste zwar, dass es das Böse gibt, weit weg, aber nicht hier, nicht in Saxon.

Auch als Sarah an diesem Samstag plötzlich verschwunden ist, denkt zunächst niemand an ein Verbrechen. Sarahs Vater ruft Freund und Dorfrichter Charly Kohli an, bittet ihn, Hilfe zu organisieren, um Sarah zu suchen. «Wir dachten, das Mädchen spiele irgendwo bei Freunden», erzählt Kohli. Man sei sich in diesem Moment nicht bewusst gewesen, dass in der Schweiz in den Jahren zuvor schon andere Kinder verschwunden seien. «Wir waren ein kleines Dorf, in dem so etwas nicht passiert.» Noch ahnt niemand das Unfassbare.

Das Jahrzehnt der Angst

Dabei hätte man gewarnt sein können. 16 Kinder und Jugendliche waren zwischen 1980 und Sarahs Verschwinden in der Schweiz entführt oder getötet worden. Die achtziger Jahre waren eine Zeit, in der Väter und Mütter in Angst lebten. In der einem als Kind eingebleut wurde, nie mit einem fremden Mann mitzugehen, keine Geschenke anzunehmen, laut zu schreien und davonzurennen, wenn man von einem Fremden angesprochen werden sollte. Die achtziger Jahre waren die Zeit, in der Kinder spurlos verschwanden. Oder manchmal auch aufgefunden wurden, missbraucht, geschändet, getötet. Buben wie Mädchen. Daniel Suter, 6: nur drei Wochen vor Sarahs Entführung tot aufgefunden. Ruth Steinmann, 12: erdrosselt. Rebecca Bieri, 8: ermordet. Loredana Mancini, 6: getötet. Peter Roth, 7: vermisst. Peter Perjesy, 14: unauffindbar. Sylvie Bonet, 12: verschwunden. Die Gesichter der verlorenen Kinder haben sich eingeprägt in das kollektive Gedächtnis zweier Generationen, jener der Eltern, und jener, die damals selber Kinder waren. «Bedenkliche Zunahme von Sexualverbrechen», titelte die «Neue Zürcher Zeitung» schon am 20. August 1982. «Bei Kindern gibt es keine Regeln, die verhindern, dass sie von einem Unhold missbraucht werden», stand in dem Artikel. Aber es gebe Dinge, die Eltern mit ihren Kindern besprechen sollten. «Als Erstes sollte ein Kind aufgeklärt werden; selbst wenn ein nicht schulpflichtiges Kind fragt, woher die Kinder kommen, wäre es dumm, die Geschichte mit dem Storch zu erzählen», schrieb der Journalist. Überdies sei es «wichtig, dem Kind so früh wie möglich die Gefahren eines Sexualverbrechens zu erklären» und es «zur Pünktlichkeit zu erziehen». Die plumpen Ratschläge wirken im Nachhinein hilflos.

Kurz nachdem Vater Oberson in Saxon Alarm geschlagen hat, ist das ganze Dorf auf den Beinen. Alle helfen. Jedes Haus, jeder Keller wird durchsucht. Noch denkt man, das Mädchen habe sich aus Versehen beim Spielen irgendwo eingeschlossen. «Gegen zehn Uhr abends wurde uns klar, dass es viel schlimmer sein könnte», erzählt Charly Kohli. Da habe man die Polizei gerufen. Nicht panisch, sondern ruhig und gefasst. In den folgenden Tagen wird im Wallis die grösste Suchaktion lanciert, die die Schweiz je gesehen hat. Autos mit Lautsprechern fahren durch die Region. Suchmannschaften durchkämmen die Wälder. Die Armee setzt Helikopter ein. 50 000 Flugblätter werden verteilt. 70 Hellseher und Pendler versammeln sich ins Saxons Zivilschutzhalle, um gemeinsam herauszufinden, wo das Mädchen sein könnte. Ein Privatdetektiv wird beigezogen, FBI-Agenten aus den USA werden eingeflogen, die sich mit der neuen Methode des Täter-Profilings befassen. Alles bringt nichts. Eine Zeitlang meint man im Dorf, es könnte der Schulhausabwart gewesen sein; er ist mit Sarah auf dem Pausenplatz gesehen worden. Der Verdacht erhärtet sich nicht. Aus manchen Köpfen ist er dennoch nicht mehr herauszukriegen. Der Abwart hält die Blicke nicht aus und zieht weg. Doch die meisten Einwohner von Saxon glauben nicht, dass der Täter ein Heimischer ist. Sie glauben, das Böse kam von aussen.

«Die Polizei hat ihre Arbeit gut gemacht», sagt Charly Kohli. Doch 1985 ist eine andere Zeit. Die Fingerabdruck-Datenbank ist in der Schweiz noch nicht lange in Betrieb und wenig umfangreich. Der genetische Fingerabdruck wurde gerade erst entdeckt; bis die DNA-Analyse in der Kriminalistik angewandt wird, werden noch Jahre vergehen. Es gibt keine Handys, die geortet, keine Überwachungskameras, die ausgewertet werden können. Die Computer sehen aus wie Ungetüme und haben die Schreibmaschinen auf den Polizeiwachen noch nicht verdrängt. «Viele Beamte hadern bis heute mit sich, weil sie das Mädchen nie finden konnten.» Wenn Charly Kohli von Sarah Oberson spricht, nennt er sie stets: «das Mädchen». Er sagt: «Das Mädchen ist immer in unserem Bewusstsein, das geht niemals weg. Das ist etwas, das man nie erleben will.»

Sieben Monate später geschieht es erneut. Wieder in einem Bauerndorf. Wieder ein kleines Mädchen. Wiederum an einem Samstag. Das Dorf heisst Wetzikon, Kanton Thurgau. Das Mädchen, lockig-wilde Haare, handgestrickte Wolljacke, roter Schultornister, heisst Edith Trittenbass. Es verlässt am 3. Mai 1986 kurz nach acht Uhr früh den Bauernhof. Eine Nachbarin blickt aus dem Fenster und sieht die Siebenjährige in Richtung Wolfikon gehen, wo das Schulhaus liegt. Dort kommt Edith Trittenbass nie an. Das vermisste Mädchen wird sofort international ausgeschrieben, über 100 Polizisten werden zur Suche aufgeboten, gemeinsam mit privat organisierten Trupps. Alles wird durchkämmt, jeder Stein umgedreht, eine Belohnung von 15 000 Franken ausgesetzt, ein TV-Beitrag in «Aktenzeichen XY ungelöst» gesendet. Ergebnislos.

Im Rahmen der Fahndung fällt der Name Werner Ferrari; wie schon nach dem Mord an Stefan Brütsch 1982 weist die Berner Kantonspolizei ihre Kollegen auf den Sexualstraftäter hin, der 1971 einen zehnjährigen Knaben erwürgt hat und seit 1979 wieder in Freiheit ist. Werner Ferrari wird befragt. Er kann ein vages Alibi angeben, obwohl er und sein Zeuge nicht mehr ganz sicher sind, ob sie sich am 3. oder am 4. Mai getroffen haben. Ferrari kann gehen. Auf die Idee, ihn zu den anderen ungeklärten Fällen zu befragen, kommt keiner. Edith Trittenbass wird nie gefunden.

Das letzte Verbrechen

Am 19. Oktober 1987 stirbt Christian Widmer. Er wird nur 10 Jahre alt. Kurz vor seinem Tod feiert er in Windisch (AG) ein Jubiläumsfest der Jungschar. Als er plötzlich weg ist, meinen seine Freunde, er sei nach Hause gegangen. Ist er aber nicht. Am nächsten Tag findet eine Gruppe von Reitern seine halbnackte Leiche an einem Waldrand im nahe gelegenen Riniken. Jetzt wendet sich der forensische Psychiater Mario Etzensberger in einem öffentlichen Appell an den Täter: «Machen Sie Ihrer Qual ein Ende, stellen Sie sich selbst, damit Sie wieder Ruhe finden und kein weiterer Mensch durch Sie leiden und sterben muss», schreibt der Psychiater im Text, den etliche Zeitungen abdrucken. Niemand meldet sich. Elf Monate später wird der Mord an Christian Widmer in der Sendung «Aktenzeichen XY ungelöst» gezeigt. Nach dem Beitrag ruft die Mutter jenes Buben die Polizei an, der 1971 von Werner Ferrari getötet wurde. Auch ihr Sohn verschwand von einem Festplatz. Die Aargauer Polizei setzt Ferraris Namen auf ihre Liste. Da sie den damals 42-Jährigen nirgends findet, wird er nicht befragt.

Fast zwei Jahre lang passiert nichts. Als würde der Täter – oder als würden die Täter – Pause machen. Bis am 26. August 1989. An diesem Sommerabend ist ganz Hägendorf (SO) auf den Beinen; die traditionelle Chilbi wird gefeiert. Auch die Familie Imhof ist unterwegs. Die neunjährige Fabienne sieht mit ihrer Freundin eine Zeitlang den Autoscootern zu. Doch als die Eltern nach dem Mädchen Ausschau halten, ist es plötzlich verschwunden. Tags darauf stösst ein Suchtrupp auf Fabiennes Leiche; nur 300 Meter vom Elternhaus entfernt, entkleidet, missbraucht, erwürgt. Die achtjährige Freundin erzählt, Fabienne sei mit einem Mann weggegangen. Sie kann ihn beschreiben. Der Fremde wird auf dem daraufhin gezeichneten Phantombild von seinem Nachbar erkannt: Am 30. August 1989 wird Werner Ferrari verhaftet. «Mord an Fabienne – wie viele Kinder hat er noch getötet?», titelt der «Blick» nach Ferraris Festnahme. «Neue Hoffnung für Eltern von Peterli, Sylvie, Sarah und Edith», lautet die Schlagzeile ein paar Monate später. Nach Jahren der Angst und der Ungewissheit ist der Kindermörder endlich gefasst. Die Erleichterung ist gross. Für Zweifel hat es keinen Platz. Es scheint einfacher, Werner Ferrari gleich alle Taten zuzuschreiben – als genau abzuklären, ob es noch einen oder mehrere weitere Täter geben könnte.

«Genau das ist das Problem bei den ungeklärten Fällen der achtziger Jahre: Als Ferrari verhaftet wurde, dachte man: Er hat all diese Kinder auf dem Gewissen.» Peter Holenstein hält kurz inne, dann fügt er an: «Dieser Meinung war ich nie.» Kaum einer kennt die Akten all dieser Fälle so gut wie Peter Holenstein. Kaum einer hat Werner Ferrari so oft besucht wie er. Der Journalist hat ein Buch über den Serientäter geschrieben. Über Ferrari, der an einer schizoiden Persönlichkeitsstörung leidet, der zuerst vier Tötungen zugegeben und dann alle Geständnisse widerrufen hat. Und der am 8. Juni 1995 vom Bezirksgericht Baden wegen fünffachen Mordes an Ruth Steinmann, Benjamin Egli, Daniel Suter, Christian Widmer und Fabienne Imhof zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt worden ist. Wegen weiterer Fälle wurde er nicht angeklagt; es gibt nichts, was ihn mit den anderen Taten in Verbindung bringt. Nichts ausser einem Verdacht. «Doch wenn man die Akten liest, stellt man unschwer fest, dass es bei den Fällen aus den achtziger Jahren zwei völlig unterschiedliche Handschriften gibt: Ein Täter hatte es auf Buben, der andere auf Mädchen abgesehen», sagt Holenstein. «Werner Ferrari hat sich nur für Buben interessiert.»

Der exhumierte Täter

Und Ruth Steinmann? Und Fabienne Imhof? Es ist das Jahr 2000, als Peter Holenstein an seinem Buch «Der Unfassbare» arbeitet, sich durch die Akten liest – und hellhörig wird: Weil auf Ruths Leiche ein Schamhaar gefunden und nie untersucht worden ist. Der Mord liegt zu diesem Zeitpunkt schon über 20 Jahre zurück. Trotzdem greift Holenstein zum Telefon und ruft Walter Bär an, der dazumal das Institut für Rechtsmedizin in Zürich leitet. Er wisse, seine Frage klinge absurd, sagt Holenstein, aber ob wohl die Möglichkeit bestehe, dass es dieses Schamhaar noch gebe? Das Haar existiert noch. Holenstein lässt es in Lausanne auf eigene Kosten untersuchen. Die Methode ist neu und 7000 Franken teuer. Das Resultat: Das Schamhaar stammt nicht von Ferrari.

Jetzt zieht der Journalist einen Anwalt bei, sitzt mit Ruths Eltern zusammen. Und da findet Ruths Vater unter den teilweise wirren Hinweisen, die den Eltern nach dem Mord an ihrer Tochter 1980 zugesteckt wurden, ein Kuvert mit einer Fotografie, die laut dem Überbringer den Täter zeigen soll. Der Mann gleicht Ferrari aufs Haar, er trägt sogar fast dieselbe Brille. Das Bild zeigt ihn vor einem nicht alltäglichen Haus. Das hilft, die Identität des Mannes herauszufinden; doch er lebt nicht mehr, er hat sich 1983 umgebracht. Holenstein erwirkt, dass die Leiche des Mannes exhumiert wird. Dessen Gebiss ist noch intakt und liefert den Beweis: Es stimmt exakt mit den Gebissabdrücken überein, die auf Ruths Leiche festgestellt und gesichert worden waren. Holenstein strengt einen Revisionsprozess an; Werner Ferrari wird 2007 vom Mord an Ruth Steinmann freigesprochen.

«Auch beim Mord an Fabienne Imhof deutet einiges darauf hin, dass Ferrari es vielleicht doch nicht gewesen ist.» Peter Holenstein sitzt im Abendlicht auf seiner Terrasse hoch über dem Langensee; hinter sich die grünen Hügel des Tessins, vor sich auf dem Tisch stapelweise Akten. Er zieht die Kopie eines Briefes hervor, der ihn bis heute nicht loslässt. Er ist in einer nachgestellten Kinderschrift verfasst, ein «Abschiedsbrief» an Fabiennes Vater, angeblich geschrieben von seiner toten Tochter. Abgestempelt in Zürich, drei Tage nach der Tat. Im Brief stehen der Name von Fabiennes Schwester und Vorfälle, die zu diesem Zeitpunkt nur der Mörder wissen konnte. «Ich bin überzeugt, dass dieser Brief vom Täter stammt», sagt Holenstein. Er gab zwei graphologische Gutachten in Auftrag. Beide kommen zum Schluss, dass die Schrift nicht von Werner Ferrari nachgestellt ist. Überdies kann Ferrari den Brief am betreffenden Tag nicht eigenhändig in Zürich eingeworfen haben. Anders als bei Ruth Steinmann hat Ferrari den Mord an Fabienne Imhof nach der Tat zunächst gestanden. «Doch dem Brief», sagt Holenstein, «ist die Polizei nicht überzeugend nachgegangen.» So gibt es – auch in diesem Fall – noch immer offene Fragen.

Und es gibt 11 Verbrechen aus dieser Zeit, die bis heute nicht geklärt sind, 7 Kinder, die nie gefunden wurden. Wie Sarah Oberson. Mit dem 30. Jahrestag verjährt das Verbrechen – selbst wenn der Täter überführt würde, könnte er nicht mehr bestraft werden. Doch die Akte Oberson wird nicht geschlossen. Darum ist Jean Zermatten in Sitten besorgt. Er ist Präsident nicht nur des Kinderrechtsausschusses der Uno, sondern auch der Stiftung Sarah Oberson. Eine Stiftung, die heute Prävention zum Schutz von Kindern betreibt, die Flugblätter mit Verhaltensregeln druckt, um Kinder und Eltern zur Vorsicht zu mahnen. Eine Stiftung, die will, dass man Sarah Oberson nie vergisst. Und die noch immer Spendengelder von damals verwaltet, die für Ermittlungen eingesetzt werden könnten, falls sich eine neue Spur ergibt. «Die Familie hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Sarah irgendwo lebt», erzählt Jean Zermatten. Die Eltern könnten nicht abschliessen, solange sie die Wahrheit nicht kennen. «Sie finden keinen Frieden.» Tatsächlich gehen bei Jean Zermatten auch nach so langer Zeit noch immer Hinweise ein. Drei verschiedene Frauen haben sich in den letzten Jahren gemeldet, überzeugt davon, die entführte Sarah Oberson zu sein. «Doch die DNA-Analysen zeigten, dass keine der Frauen mit den Obersons verwandt ist.» Und erst gerade hat ein Mann angerufen und behauptet, er wisse, wo Sarahs Leiche begraben liege. Als die Experten der Polizei an der besagten Stelle zu graben begannen, stiessen sie wirklich auf ein Skelett – jenes eines toten Hundes. Die unfassbare Geschichte von Sarahs Verschwinden zieht kranke Menschen an und lässt Verschwörungstheorien wachsen. Trotzdem geht die Stiftung gemeinsam mit der Polizei jedem Hinweis nach.

Auch eine andere Arbeitsgruppe hat die Akten zu den ungeklärten Fällen noch nicht geschlossen. «Wir möchten die Wahrheit kennen», sagt Thomas Sollberger, der Chef der Kriminalabteilung der Kantonspolizei Bern. Er leitet die Koordinationsstelle Gewaltverbrechen an Kindern, die in den achtziger Jahren unter dem Namen Soko Rebecca gegründet worden war. Sie trifft sich immer dann, wenn Gewalttaten an Kindern mit überregionalem Bezug passieren. «Dann prüfen wir, ob es Zusammenhänge mit den früheren Verbrechen gibt, ob sich irgendwo Spuren kreuzen.» Sollberger war in den achtziger Jahren selbst im Alter der verschwundenen Kinder. Auch ihn haben die Geschichten geprägt. «Ich erinnere mich, wie ich meine kleine Schwester lehrte, dass sie von keinem Fremden Schokolade annehmen darf.» Neue ungeklärte Fälle sind seit 1989 zum Glück keine hinzugekommen. «Bei Delikten an Kindern ist selten der fremde, böse Mann der Schuldige – meistens kennt das Kind den Täter.» Daher würden die Fälle in der Regel gelöst. Allerdings habe sich die Kriminalität auch verlagert: «Heute finden viele Delikte an Kindern im Internet statt.»

Wann immer ein neues Verbrechen an einem Kind an die ungeklärten Fälle erinnert, wird die interkantonale Koordinationsstelle aktiv. Wie zum Beispiel damals, als in Belgien der Kinderschänder Marc Dutroux gefasst wurde. Oder als die kleine Maddie in Portugal verschwand. Oder als im August 2007 die fünfjährige Ylenia Lenhard aus Appenzell entführt und tot aufgefunden wurde – und sich der Täter Urs Hans von Aesch selber richtete. «Wir ermittelten umfangreich, ob er auch für frühere Fälle als Täter infrage kommt», erzählt Sollberger. Von Aeschs Alter passte, er lebte in den Achtzigern im Thurgau, arbeitete als Vertreter für eine Firma, die Landwirtschaftsbetriebe belieferte, war in der ganzen Schweiz unterwegs. «Aber wir fanden nichts, was ihn mit den Taten in Verbindung brachte.» Wieder verliefen die Spuren im Nirgendwo.

Das ungelöste Rätsel

Das schreckliche Rätsel um die verlorenen Kinder bleibt ungelöst. Sicher ist nur: Mit der Verhaftung von Werner Ferrari brach die Mordserie ab. Weil er doch mehr Verbrechen begangen hat, als ihm nachgewiesen wurden? Weil ein zweiter Serientäter wegen eines anderen Deliktes inhaftiert wurde, ausgewandert oder gestorben ist? Oder weil er die Verhaftung Ferraris als Gelegenheit nutzte aufzuhören? Thomas Sollberger zögert, bevor er die letzte Frage beantwortet: «Ich glaube eher nicht, dass die Wahrheit jemals ans Licht kommen wird.» Jean Zermatten sagt: «Ich habe eine theoretische Hoffnung, dass irgendwann plötzlich etwas auftaucht, womit niemand gerechnet hat und das doch noch zur Lösung des Falles führt.» Und Peter Holenstein erklärt: «Ich würde beinahe darauf wetten, dass ich noch erleben werde, wer die zweite Täterschaft ist.» Der Täter müsse heute gegen 70 Jahre alt sein – und er werde dieses Geheimnis nicht mit ins Grab nehmen wollen.

Charly Kohli fährt mit seinem Auto durch die engen Kurven des alten Dorfteils von Saxon. Er zeigt auf das Amtshaus, das früher das Schulhaus war, weist auf die Stelle, wo das Fahrrad lag. Hat ihn der Fall Sarah Oberson verändert? «Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass nicht alle die Wahrheit sagen.» Er sei empfindlicher geworden. «Und ich frage mich immer wieder: Haben wir gut genug hinter die Mauern geschaut, haben wir alles gemacht, was möglich war?» Kohli glaubt, dass das Dorf irgendwann erfahren wird, was an jenem Samstag im September 1985 geschah. «Die Leute hier haben die Hoffnung nie verloren.»

Werner Ferrari – der Serientäter
Werner Ferrari war 25 Jahre alt, als er zum Mörder wurde. Hinter ihm lag eine Kindheit, die er unter widrigen Umständen in vielen Heimen überstanden, und eine Jugend, in der er etliche Delikte begangen hatte. Er stahl Autos, einmal legte er ein Feuer, einmal ein Hindernis auf Bahngeleise. Schon sechs Jahre vor dem ersten Mord schrieb der Psychiater Benno Dukor in einem Gutachten, Ferrari habe eine «ausgeprägte pädophile und homosexuelle Veranlagung» und sei «eine infantile Persönlichkeit, welche nebst der Unterentwicklung von Intelligenz und Charakter auch psychopathische Züge im Sinne einer schizoiden Kontaktschwäche aufweist». Der Psychiater schloss nicht aus, dass «Ferrari eines Tages ein pädophiles Sexualdelikt begehen könnte».

Es geschah am 6. August 1971. Der zehnjährige Daniel Schwan aus Reinach (BL) feierte an einem Dorffest und kehrte nicht nach Hause zurück. Ferrari hatte ihn angesprochen, weggeführt, wollte an ihm sexuelle Handlungen vornehmen. Angeblich weil Daniel zu weinen begonnen hatte, erwürgte er den Buben. Werner Ferrari wurde gefasst und am 12. April 1973 zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt – 1979 war er wieder frei.

Nach seiner neuerlichen Verhaftung 16 Jahre später, nach dem Mord an Fabienne Imhof, legte er nach langen Verhören in verschiedenen Kantonen vier Geständnisse ab. Den Mord an Ruth Steinmann bestritt er von Anfang an. Am ersten Prozesstag zog er überraschend alle Geständnisse zurück. Trotzdem verurteilte ihn das Badener Bezirksgericht am 8. Juni 1995 zu lebenslangem Zuchthaus.

Der Journalist Peter Holenstein, dem Ferrari uneingeschränkte Akteneinsicht gewährte, beschreibt, was auch den Ermittlern aufgefallen war: Bei seinen Besuchen nannte sich Ferrari einmal «Werner», einmal «Marco». Auch seine Briefe schrieb er in zwei verschiedenen Schriften, eine gehörte zu «Werner», die andere zu «Marco». «Es war, als spräche ich mit zwei verschiedenen Personen», erzählt Holenstein. «Werner» Ferrari habe stets seine Unschuld beteuert. Nannte er sich aber «Marco», versuchte er, Erklärungen dafür zu finden, was passiert sein könnte und ob er etwas damit zu tun haben könnte. Werner Ferrari verbüsst seine lebenslange Strafe in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg. Lebenslang heisst lebenslang. Mit einer vorzeitigen Entlassung ist nicht zu rechnen.


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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Dienstag, 12. April 2016, 10:17:21 
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Verbrechen an Kindern in den 80er Jahren

12. Mai 1980
Ruth Steinmann, 12, fährt mit dem Rad von der Schule in Wettingen nach Hause ins aargauische Würenlos. Dort kommt sie nie an. Noch am selben Tag findet der Vater die Leiche seiner Tochter in einem Waldstück. 1995 wird Werner Ferrari wegen des Mordes an Ruth verurteilt, obwohl er die Tat stets bestritt. Der Journalist Peter Holenstein deckt Jahre später auf, dass jemand anderes der Täter war.

Anfang Januar 1981
Fabrice Barbey, 5, wird in La Chaux-de-Fonds (NE) von einem rückfälligen Sexualstraftäter erwürgt. Die Polizei verhaftet den Täter kurz nach der Tat. 15. April 1981 Claudia Schwarz, 10, verschwindet in St.Gallen auf dem Heimweg vom Spielplatz. Elf Tage später wird das Mädchen im Recher Wald tot aufgefunden. Die Polizei fasst den Täter.

11. Juli 1981
Annika Hutter, 18, fährt am Abend mit dem Mofa in Nürensdorf (ZH) los, um in Winterthur Freunde zu treffen. Sie kommt nie an. Ihr kaputtes Mofa wird am nächsten Tag bei Kemptthal gefunden. Verschiedene Zeugen wollen Annika in einem Mofa-Anhänger gesehen haben. Der Täter wird nie gefasst. Annika Hutter bleibt vermisst.

22. September 1981
Peter Perjesy, 14, aus Ulisbach-Wattwil (SG), besucht in Wattwil das Tischtennis-Training. Um acht Uhr abends verlässt er den Trainingsort. Später werden sein abgeschlossenes Rad und seine Jacke im Velounterstand gefunden. Bis heute fehlt von Peter jede Spur. Der Fall ist ungeklärt.

20. März 1982
Rebecca Bieri, 8, macht sich am Mittag in Gettnau (LU) auf den Nachhauseweg. Der Bauernhof der Eltern liegt etwa zwei Kilometer entfernt oberhalb des Dorfes. Es schneit heftig, als eine Nachbarin das Mädchen rund 600 Meter von dessen Zuhause entfernt das letzte Mal sieht. Im August 1982 findet die Polizei in Niederbipp (BE) Rebeccas Skelett. Der Fall ist ungeklärt.

31. Juli 1982
Karin Gattiker, 15, und Brigitte Meier, 17, aus Goldach (SG) machen eine mehrtägige Velotour. Auf dem Rückweg von Appenzell werden sie zuletzt in der Nähe von Kobelwies (SG) gesehen, dort sind auch ihre Fahrräder abgestellt. Neun Wochen später werden ihre Leichen in der Nähe, bei der sogenannten Kristallhöhle, gefunden. Trotz verschiedenen Verdachtsmomenten kann nie ein Täter überführt werden.

4. August 1982
Beate Bauer, 12, eine Basler Schülerin aus dem deutschen Grenzort Grenzach-Wyhlen, verschwindet, als sie mit ihrem neuen Velo eine kleine Tour machen will. Am 17. August wird ihre Leiche in einem Maisfeld bei Rheinfelden gefunden. Ein 20-jähriger Mann aus Rheinfelden wird der Tat überführt.

14. August 1982
Karen Schmitz, 16, verabschiedet sich um 23 Uhr im Jugendhaus Adliswil (ZH) von ihrer Freundin; sie will zu Fuss nach Hause gehen. Dort kommt sie nie an. Ihre Kleider werden am Seeufer bei Wollishofen/Kilchberg gefunden. Die Polizei vermutet, dass Karen Schmitz einem Verbrechen zum Opfer fiel. Bis heute ist unklar, was ihr zugestossen ist.

30. September 1982
Stefan Brütsch, 14, fährt am Mittag mit dem Velo von der Schule nach Hause. Er wohnt in Büttenhardt (TG). Als er dort nie ankommt, fährt sein Vater die Strecke ab und findet sein halb nacktes, totes Kind neben der Strasse im Gestrüpp. Das Verbrechen bleibt lange Zeit ungeklärt, bis der Täter Roland K. Jahre später wieder tötet:

Am 5. August 1993 ermordet er den 13-jährigen Dario Cicolecchia aus Paradies (SH). K. wird gefasst und verwahrt. 2008 bringt er in der Strafanstalt Pöschwies einen 25-jährigen Mithäftling um.

14. April 1983
Loredana Mancini, genannt Lola, ist sechseinhalb Jahre alt, als sie im Shopping-Center Spreitenbach (AG) Stroh für ihr Meerschweinchen holen will. Die Stelle, wo Lola entführt wird, liegt nur fünf Kilometer vom Ort entfernt, an dem Ruth Steinmann getötet wurde. Nach sechs Wochen finden Spaziergänger in einem Wald in Rümlang (ZH) Lolas Skelett. Der Fall ist ungeklärt. Die Eltern haben den Verlust nie verkraftet; sie nahmen sich nach einem Jahr das Leben.

27. Oktober 1983
Benjamin Egli, 10, ist der Sohn einer Familie, die zum fahrenden Volk übergetreten ist und als Scherenschleifer arbeitet. Am letzten Tag seines Lebens soll er in der Bäckerei Brot holen gehen. Von diesem Botengang kehrt er nicht mehr zum Wohnwagen in Sünikon (ZH) zurück. Am nächsten Morgen findet ein Pilzsucher rund 13 Kilometer entfernt Benjamins Leiche. 12 Jahre später wird Werner Ferrari wegen des Mordes an Benjamin verurteilt.

12. Mai 1984
Peter Roth, 7, aus Mogelsberg (SG), trägt an seinem letzten Tag gelbe Gummistiefel mit der Biene Maja drauf. Am Mittag nach der Schule kauft er für sich und seinen Freund, der ihm beim Wandtafelputzen geholfen hat, eine Packung Chips. Am Mittagstisch auf dem Bauernhof warten die Eltern vergeblich auf ihn. Die Suchaktion bringt nichts; nur die leere Packung Chips wird 300 Meter vor dem Hof gefunden. Peter Roth wird bis heute vermisst.

23. Mai 1985
Sylvie Bonet, 12, befindet sich in einem Ferienlager in der Nähe von Bevaix (NE), als sie auf dem Rückweg zum Haus spurlos verschwindet. Das Mädchen leidet an epileptischen Anfällen und zerebralen Störungen. Von Sylvie fehlt bis heute jede Spur.

20. Juli 1985
Eva Maria Carmona, 7, spielt im Lausanner Restaurant ihres Vaters. Auf einmal ist sie nicht mehr da. Anwohner des Hauses finden das Mädchen später am Abend tot im Lift. Der 23-jährige Täter kann schnell überführt werden.

7. September 1985
Daniel Suter, 6, fährt am Abend mit seinen Eltern und seiner Schwester ans traditionelle Bahnhofsfest in Rümlang (ZH). Als seine Eltern in der Raclette-Stube einkehren, darf er wenige Meter davon entfernt einige Runden auf der Bahn mit Gummibooten fahren. Plötzlich ist er verschwunden. Drei Tage später entdeckt ein Landwirt auf seinem Maisfeld Daniels Leiche. Der Bub ist zu einem Bündel gefesselt. Werner Ferrari wird Jahre später des Mordes an Daniel schuldig gesprochen.

28. September 1985
Sarah Oberson, 5, will mit dem Velo auf dem Pausenplatz des Schulhauses Saxon (VS) ein paar Runden drehen. Als die Mutter ihre Tochter abholen will, findet sie nur das Fahrrad. Seither fehlt von Sarah Oberson jede Spur.

3. Mai 1986
Edith Trittenbass, 7, begibt sich morgens um acht auf ihren Schulweg, der vom Weiler Gass in Wetzikon (TG) ins Nachbardorf Wolfikon führt. Sie kommt nie beim Schulhaus an. Zeugen wollen einen roten Personenwagen in der Gegend gesehen haben. 700 Hinweise gehen bei der Polizei ein. Keiner führt zum Täter. Edith Trittenbass ist bis heute vermisst.

19. Oktober 1987
Christian Widmer, 10, nimmt in Windisch (AG) an einer Feier der Jungschar teil. Gegen 19 Uhr verlässt er die Turnhalle. Am nächsten Tag finden Reiter den toten Christian im nahe gelegenen Riniken an einem Waldrand. Werner Ferrari wird später wegen Mordes an Christian Widmer verurteilt.

26. August 1989
Fabienne Imhof, 9, besucht mit ihrer Familie die Chilbi im solothurnischen Hägendorf. Sie ist mit einer Freundin auf dem Rummelplatz unterwegs. Als die Eltern am späteren Abend nach ihr suchen, ist sie nicht mehr aufzufinden. Ihre Freundin sagt, Fabienne sei mit einem fremden Mann mitgegangen. Am nächsten Nachmittag wird Fabienne von einem Suchtrupp nur rund 300 Meter vom Elternhaus entfernt tot aufgefunden. Ihre Freundin kann den Mann beschreiben. Am 30.August 1989 wird Werner Ferrari verhaftet und 1995 wegen fünffachen Mordes verurteilt.


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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Dienstag, 12. April 2016, 11:01:44 
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Puh! Diese vielen Fälle hatte ich gar nicht auf dem Schirm.

Ich habe mal eine Übersicht der ungeklärten Fälle auf einer Karte gemacht.

http://www.bing.com/mapspreview?&ty=17& ... &FORM=MIRE

Die Häufung von Fällen rund um den Zürichsee fällt auf.


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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Dienstag, 12. April 2016, 11:12:01 
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Vermutlich hat der Täter dort seine sogenannte "Wohlfühlzone". Heisst, er wird nicht weit von dort seinen Wohnsitz haben.

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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Dienstag, 12. April 2016, 12:17:31 
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Es handelt sich bei seiner 'Wohlfühlzone' auch um die deutschsprachige Schweiz. Vielleicht kam der Täter / kamen die Täter gar nicht aus der Schweiz, sondern aus dem deutschsprachigen Ausland.

Hat jemand das Phantombild des Paares aus Wien? Ich finde nichts dazu.


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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Dienstag, 12. April 2016, 14:58:42 
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Ich habe mich noch nicht ganz in den Fall eingelesen...... bin momentan zeitlich etwas knapp...

Betrifft dieses Ehepaar den Fall Sarah?

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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Dienstag, 12. April 2016, 18:27:59 
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Ja, das betrifft Sarah. Bei xy hatte sich jemand gemeldet, der sich ganz sicher war, Sarah zusammen mit einem Paar in Wien gesehen zu haben.


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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Dienstag, 12. April 2016, 19:35:04 
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Rosenrot hat geschrieben:
Ja, das betrifft Sarah. Bei xy hatte sich jemand gemeldet, der sich ganz sicher war, Sarah zusammen mit einem Paar in Wien gesehen zu haben.



Wurde bei XY ein Phantomfoto gezeigt? Das könnte ich runterziehen.

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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Sonntag, 22. Januar 2017, 12:02:27 
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Verschwunden: Edith Trittenbass

Am 3. Mai 1986 begann der Unterricht in der 2. Primarklasse in Wolfikon TG ohne die neunjährige Edith Trittenbass. Der Lehrer nahm an, das Mädchen sei erkrankt. Erst als sich die Mutter nach Schulschluss beim Lehrer nach Edith erkundigte, wurde klar, dass sich bereits auf dem Hinweg ein Verbrechen ereignet haben musste. Um 15 Uhr begann die Suche der Kantonspolizei. Drei Personen wurden verhaftet, mussten aber wieder freigelassen werden. Befragt wurde unter anderen auch Werner Ferrari – ohne Ergebnis. Edith Trittenbass blieb verschwunden.

http://www.beobachter.ch/justiz-behoerd ... ittenbass/


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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Sonntag, 22. Januar 2017, 12:05:48 
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18.12.2013
VERMISST - Edith Trittenbass aus Gass-Wetzikon ZG seit 27 Jahren vermisst! - CHF 20'000 Belohnung ausgeschrieben Autor/Quelle: Kapo TG

Die Kantonspolizei Thurgau bitte die Bevölkerung um Mithilfe bei der Wiederauffindung oder Klärung des folgenden Falles:

Edith Trittenbass aus Gass-Wetzikon TG,
geboren am 18. Dezember 1977 wird seit dem 3. Mai 1986 vermisst!

Am 3. Mai 1986, um 8 Uhr, hat die damals achtjährige, blonde Edith Trittenbass ihr Elternhaus in Gass-Wetzikon TG verlassen und sich zu Fuss auf den Weg zum Schulhaus Wolfikon begeben. Dort ist das Mädchen jedoch nicht eingetroffen. Es wird seither vermisst.

Für Hinweise, die zur Klärung des Falles führen, ist eine Belohnung von 20 000 Franken ausgesetzt worden.

Hinweise sind erbeten an die Kantonspolizei Thurgau, Telefon 052 728 22 22, (Ausland +41 52 728 22 22), per E-Mail oder an jede andere Polizeidienststelle.

http://www.polizei-schweiz.ch/ger_detai ... misst.html


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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Sonntag, 05. Februar 2017, 16:56:47 
 
Rätsel-Morde Teil 5: Sechsjährige verschwand auf dem Weg zur Grossmutter spurlos
Auch das FBI suchte nach Sarah

SAXON VS - Im September 1985 wollte das Mädchen aus Saxon im Unterwallis seine Grossmutter besuchen. Dann verschwand es spurlos.

Walter Hauser

Rund um Saxon VS blühen Weinreben und Aprikosenbäume. Die Sonne scheint auf das Dorf im Unterwallis, die Einwohner geniessen den Tag im Freien. Es ist eine trügerische Idylle: An diesem 28. September 1985 verschwindet die sechsjährige Sarah Oberson. Sie wird nie wieder gesehen. «Für die Familie, für das Dorf, für die ganze Bevölkerung hier ist und bleibt es eine schreckliche Tragödie», sagt Bernard Comby (77). Er war damals Walliser Erziehungsdirektor und lebte selbst in Saxon. Bis heute hat er die Hoffnung nicht aufgegeben: «Das Dossier Sarah Oberson ist keineswegs geschlossen.»

Ein Abwart und ein Gymnasiast sahen Sarah als Letzte
Comby kennt die Familie gut – und kann sich exakt an jenen Samstag vor über 31 Jahren erinnern. Damals lebten lediglich 2500 Menschen im Dorf, halb so viele wie heute. Trotzdem war viel los: Eine Auto-Rallye fand statt, die Vorbereitungen zu einem Zehnkilometerlauf liefen.

Um halb sechs Uhr abends hatte Sarah das Elternhaus verlassen, um ihre Grossmutter zu besuchen. Doch dann entschloss sich das Mädchen offenbar anders und fuhr auf dem Velo zum knapp 100 Meter entfernten damaligen Dorfschulhaus.

Gegen 18 Uhr sah ein Gymi-Schüler sie zusammen mit dem Schulabwart auf dem Pausenplatz. Die beiden unterhielten sich. Der Abwart und der Gymnasiast sind die letzten, die Sarah lebend sahen.
Auf dem Schulhof lag Sarahs Velo

Als das Mädchen nicht heimkehrte, machten sich Eltern und Freunde um 19 Uhr auf die Suche nach ihr. Bei der Grossmutter war sie nicht. Auf dem Schulhof, direkt vor der Eingangstreppe, fanden die Eltern ihr rotes Velo. Doch von dem Kind fehlte jede Spur.

Um 21.20 Uhr benachrichtigte Claudy Oberson (heute 64), Sarahs Vater, die Polizei. Eine gross angelegte Suchaktion lief an, an der sich viele Dorfbewohner beteiligten. Die Polizei und private Helfer durchkämmten in den folgenden Tagen die Wälder, suchten in Ställen und Kellern, später kamen auch Militärs zum Einsatz. «Man glaubte und hoffte, Sarah könnte sich irgendwo verirrt oder aus Versehen eingeschlossen haben», erinnert sich Bernard Comby.

Auch Scharlatane wollten helfen
Doch sie blieb verschwunden. Ende 1985 versuchte man nochmals alles, um Sarah zu finden: FBI-Beamte aus den USA wurden beigezogen. Unterstützer verteilten 150'000 Flugblätter. 70 Pendler und Hellseher versammelten sich in Saxon. «Es gab unter den Helfern auch Leute, die sich wichtig machen wollten, Scharlatane», so Comby. Unzählige Anrufer meldeten sich. Einmal hiess es, Sarah sei in Wien gesehen worden, ein anderes Mal hiess es: in Lyon. Doch all das brachte die Ermittler nicht weiter.

In den Tagen nach dem Verschwinden gründete Staatsrat Comby die «Solidaritätsbewegung Sarah Oberson». Zehn Jahre später entstand daraus die gleichnamige Stiftung. Sie besteht bis heute und bietet noch immer 50'000 Franken für weiterführende Hinweise.

Spuren in Algerien verliefen im Sand
2010 keimte Hoffnung auf. Per E-Mail meldete sich eine Frau aus Algerien und behauptete: «Ich glaube, ich bin Sarah Oberson und wurde als Kind entführt.» Die Schweizer Botschaft fand die Absenderin, schickte ein Foto von ihr in die Schweiz. Tatsächlich hatte sie eine gewisse Ähnlichkeit mit Sarah, die damals bereits 30 Jahre alt gewesen wäre. Doch eine DNA-Analyse fiel negativ aus. So verlief auch diese Spur im Sand.

In den 80er-Jahren verschwanden in der Schweiz zahlreiche Kinder und wurden teilweise bis heute nicht gefunden. Für Bernard Comby hat der Fall Oberson eine ähnliche Handschrift wie etwa die Fälle von Sylvie B.* (12) in Neuenburg, Rebecca B.* (8) in Gettnau LU und Edith T.* (8) in Gass-Wetzikon TG. «Alle diese Mädchen wurden in der Umgebung von Schulen oder bei schulischen Aktivitäten entführt», sagt Comby. Möglicherweise fielen sie einem Serientäter zum Opfer, der landesweit sein Unwesen trieb.
Verdacht gegen den Schulabwart

Auch über Einwohner von Saxon kursierten Gerüchte und Anschuldigungen. Ein Mann geriet unter Verdacht, nachdem er im Dorf Selbstmord beging. Der Schulabwart, mit dem Sarah zuletzt gesehen worden war, galt für manche hinter vorgehaltener Hand als möglicher Täter. Schliesslich wurde der Druck auf ihn so gross, dass er nach Monthey VS zog. Inzwischen ist der Mann verstorben.

Für Sarahs Familie und das ganz Dorf blieb der Schmerz. Gemäss Comby ist die Mutter der Vermissten trotz allem überzeugt, man dürfe das Vertrauen ins Leben nicht verlieren. Zwei Jahre nach dem Verschwinden ihrer Tochter brachte sie wieder ein Kind zur Welt: Justine – «die Gerechte». Diese arbeitet heute als Polizistin.

Publiziert am 05.02.2017 | Aktualisiert vor 20 Minuten

http://www.blick.ch/news/schweiz/raetse ... 71012.html


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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Sonntag, 05. Februar 2017, 18:59:40 
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hello
Die Vermissten dürften alle in den Jemen gekommen sein.

Es ist als Fortsetzung der Entführungen von 1972- 1978 zu sehen.

Dort wurden in Österreich und Oberitalien Mädchen abgegriffen. Die
nach Kairo kamen.
lg eugene

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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Freitag, 29. Juni 2018, 11:09:45 
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Vermisstes Kind
Verschollenerklärungsgesuch im ungelösten Fall Edith Trittenbass
FRAUENFELD - TG - Edith Trittenbass gilt seit 1986 als vermisst. Das damals achtjährige Mädchen verschwand auf dem Weg zur Schule im thurgauischen Wolfikon, grossangelegte Suchaktionen blieben erfolglos. Jetzt soll die Verschwundene für verschollen erklärt werden.


Der Fall, der bis heute ungeklärt ist, erregte im Sommer 1986 grosses Aufsehen. Polizei und Freiwillige suchten in der Umgebung von Wolfikon in der Gemeinde Thundorf TG tagelang nach dem vermissten Mädchen, das möglicherweise entführt wurde oder einem Verbrechen zum Opfer fiel. Die Suche blieb ohne Ergebnis.

Nach 32 Jahren hat das Bezirksgericht Frauenfeld am Freitag im Amtsblatt ein Verschollenerklärungsgesuch veröffentlicht. Wer sachdienliche Angaben zum Verbleiben des am 3. Mai 1986 verschwundenen Mädchens machen kann, soll diese dem Gericht melden. Die Frist dafür läuft bis zum 1. Juli 2019.

Danach wird Edith Trittenbass, falls bis dann keine Hinweise eingegangen sind, für verschollen erklärt. Verschollenheit hat laut dem Bezirksgericht beispielsweise zur Folge, dass die betreffende Person nicht mehr erbberechtigt ist.

Auf die Arbeit der Polizei wirkt sich das Verschollenerklärungsgesuch nicht aus. «Für die Kantonspolizei Thurgau ist ein Fall nie abgeschlossen», erklärte Polizeisprecher Matthias Graf dem «St. Galler Tagblatt» und der «Thurgauer Zeitung». Es würden immer noch Hinweise zum Fall Edith Trittenbass verfolgt und überprüft - letztmals Anfang 2017. Jener Hinweis habe aber keine neuen Erkenntnisse ergeben. (SDA)

https://www.blick.ch/news/schweiz/vermi ... 56603.html


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 Ungelesener Beitrag Verfasst: Samstag, 28. Juli 2018, 17:45:46 
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Ungelöste Tötungsdelikte an Kindern
Ex-Kripochef hängt Werner Ferrari weitere Morde an
AARAU - Werner Ferrari wurde 1995 für fünf Morde verurteilt. Jetzt behauptet der damalige Aargauer Kripochef Urs Winzenried (68): Der Kindermörder habe noch mehr auf dem Gewissen. Ferraris Ex-Anwalt Patrik Schaerz zeigt sich empört.

Viktor Dammann
Das «Regionaljournal» von SRF thematisierte kürzlich die unglaubliche Serie von Kindermorden in den Achtzigerjahren in der Schweiz. Zwischen Mai 1980 und August 1989 verschwanden elf Kinder. Acht wurden getötet aufgefunden, von drei Mädchen fehlt seither jede Spur. Die Fälle sind bis heute ungelöst.

Der Fall Ruth S.
BLICK half, Mörder zu finden
Nach der Ermordung der 12-jährigen Ruth Steinmann im Jahr 1980 erhielt ihr Vater Fotos zugespielt. Auf den Bildern ist ein Mann bei Gartenarbeiten zu sehen. «Darauf könnte der Mörder sein», meint die Person dazu.

20 Jahre später erzählt Ruths Vater dem Publizisten Peter Holenstein, der für sein Ferrari-Buch recherchiert, von den Fotos. BLICK publiziert das Bild, ohne den Mann zu zeigen – sondern nur das Haus im Hintergrund.

Anderntags meldet sich ein Mann aus einer Nachbargemeinde von Würenlos AG. Das Haus mit den rot umränderten Fensterläden stehe in der Nachbarschaft. Zudem meldet sich der Schwager eines Werner W.*

Dieser habe sich nach dem Tod von Ruthli höchst seltsam verhalten. Holenstein findet heraus, dass sich Werner W. umgebracht hat. In einem Abschiedsbrief nahm er indirekt Bezug auf das Verbrechen.

Die Leiche von W. wird exhumiert. Eine Expertise ergibt, dass der Gebissabdruck des Selbstmörders mit einer Bisswunde am Körper der toten Ruth S. «gut» übereinstimmt.

Werner Ferrari wird 2007 durch das Aargauer Obergericht vom Mord an Ruth S. freigesprochen.

*Name geändert

Dazu wurde der damalige Kripochef des Kantons Aargau, Urs Winzenried, befragt. Ungelöst? Für den Pensionär besteht kein Zweifel, wer für neun der noch ungelösten Fälle in Frage kommt. «Werner Ferrari ist für all diese Taten verantwortlich.» Auch seine Schweizer Polizeikollegen und Spezialisten des FBI seien dieser Meinung.

Für fünf Taten verurteilt
Werner Ferrari wurde 1995 zunächst für fünf Kindstötungen schuldig gesprochen und zu einer lebenslangen Zuchthausstrafe verurteilt. Er befindet sich noch immer hinter Gittern. Doch für andere Fälle wurde er später weder angeklagt noch verurteilt.

Doch wie kommt Winzenried darauf, Ferrari weitere Morde anzuhängen? BLICK fragte den Ex-Kripochef mehrfach schriftlich an. Der studierte Jurist wollte nicht auf die in der Sendung geäusserten Anschuldigungen eingehen. Nur so viel: Es habe damals Indizien für Ferraris Täterschaft gegeben – daher habe er keine ehrverletzende Aussagen gemacht.

Das sieht Patrick Schaerz, der frühere Anwalt von Ferrari, anders: Die Aussage von Winzenried sei ehrverletzend. «Es wurde in keinem der ungeklärten Fälle Anklage gegen Ferrari erhoben.» Gemäss Bundesverfassung gelte jede Person bis zur rechtskräftigen Verurteilung als unschuldig.


Das meint BLICK zu den Anschuldigungen
Was ist in Urs Winzenried gefahren, den einstigen Kripo-Chef der Aargauer Kantonspolizei? Aus dem Stand heraus bezeichnet er Kindermörder Werner Ferrari in neun ungelösten Fällen verschwundener oder getöteter Kinder als Täter.

Fragt man Winzenried nach Fakten für seine Behauptung, dann verstummt er. Dabei weiss der studierte Jurist, dass solch schwere Anschuldigungen krasse Ehrverletzungen sind.

Für Winzenried ist der Fall Ferrari ohnehin kein Ruhmesblatt. Den Mord an Ruth S. hat nicht er geklärt, sondern zwei Journalisten. In Justizkreisen war zudem lange gemunkelt worden, die Aargauer Ermittler hätten den Fall unbedingt selber anklagen wollen. Ansonsten wäre dieser an den Kanton Zürich gegangen, da sich die zwei nächsten Morde dort ereignet hatten.

Es geht nicht darum, das grosse Unrecht des fünffachen Kindermörders Werner Ferrari zu schmälern. Er sitzt zu Recht noch immer hinter Gittern und sollte dies auch bis zu seinem Lebensende tun.

Trotzdem besitzt auch ein Verbrecher Grundrechte. Etwa, dass ihm nicht unvermittelt und ohne Beweise Mordtaten in die Schuhe geschoben werden.

Auch Publizist Peter Holenstein, der ein Buch über den Fall Ferrari schrieb, sagt: «Das ist ein ungeheuerlicher Vorgang und ein krasser Verstoss gegen die Unschuldsvermutung.»

Es gab einen anderen Täter
Ferrari hatte stets bestritten, dass er den ersten ihm vorgeworfenen Mord an Ruth S. (12) begangen hatte. Tatsächlich: Es gab einen anderen Täter. Mit Hilfe von BLICK konnte 2004 der wahre Mörder von Ruth S. ermittelt werden (siehe Box). 2007 wurde Ferrari von dieser Tat freigesprochen.

Doch Winzenried akzeptiert den Freispruch offenbar nur zähneknirschend: «Die Indizien, die gegen Ferrari sprachen, sind nach wie vor vorhanden», meinte er zum Regionaljournal. Gegenüber BLICK will er schliesslich nicht mehr darauf bestehen. Der Entscheid sei rechtsstaatlich zu akzeptieren.

Dazu meint Anwalt Schaerz: «Im Lichte der Tatsache, dass im Revisionsprozess sogar der Nachweis einer anderen Täterschaft erbracht werden konnte, erscheint die aktuelle Aussage von Herrn Winzenried zusätzlich irritierend.»

Die Kindermorde können kaum jemals gelöst werden. Schaerz: «Herrn Ferrari als Täter dieser Fälle zu bezeichnen, ist eine Straftat, die von ihm zur Anzeige gebracht werden könnte.»

Publiziert am 28.07.2018 | Aktualisiert um 11:37 Uhr

https://www.blick.ch/news/schweiz/ungel ... 66386.html


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